Vergessene Lebensgeschichten: Familie von Klemperer

Die Kunst der Sammlung von Klemperer

Die Abbildung zeigt eine Porzellanfigur. Sie trägt eine grüne Hose und ein rotes Oberteil. Das Gesicht ist weiß mit schwarzen Punkten. In den Händen hält sie eine Laute.
Die Abbildung zeigt eine Porzellantaube. Sie hat blaues und weißes Gefieder. Sie sitzt auf einem kleinen Kranz aus weißen Ästen.

Die Sammlung Klemperer

Gustav von Klemperer und seine Frau Charlotte besaßen die wohl größte und bedeutendste Privatsammlung Meissener Porzellans des 18. Jahrhunderts in Deutschland.

 

Er war Direktor der Dresdner Bank und im Dienst Österreichs als Honorarkonsul tätig. Dafür verlieh ihm Kaiser Franz Joseph I. einen Adelstitel. Ab 1910 heißt die Familie von Klemperer, Edle von Klemenau.

 

Schwarzweißfotografie, historisches Portrait. Eine Frau und ein Mann stehen nebeneinander. Es zeigt Charlotte und Gustav von Klemperer etwa zu Zeit ihrer Hochzeit 1875.

Die von Klemperers hatten 1875 geheiratet und lebten mit ihren drei Söhnen, Victor, Herbert Otto und Ralph Leopold in der Wiener Straße 25, in einer Villa nahe des Großen Gartens.

[…] ein […] Antiquitätenhändler brachte ihnen fast täglich irgendetwas, Porzellan, Möbel und Kunstgegenstände. Sie kauften mit rührender Freude und bald war jeder Raum des Hauses ein kleines Museum.

— Victor von Klemperer: Erinnerungen, S. 37, Leo Baeck Institute, Jerusalem

Die Sammlung war so umfangreich, dass Gustav von Klemperer einen Kunst­historiker damit beauftragte, sie zu katalogisieren. 

Der entstandene Katalog umfasst Beschreibungen und Fotografien von über 800 Porzellanen und hat über dreihundert Seiten.

Historische Sepiafotografie. Auf drei Regalbrettern übereinander stehen Porzellanfiguren und Teller. In der Mitte befindet sich ein Porzellanmops.
Scan einer Seite aus dem Katalog der Porzellansammlung von Klemperer. Es zeigt die Beschreibung einer Mopsfigur, die unter dem Namen "Der Mops des Grafen Brühl" bekannt ist.

Tod der alten Klemperers

1926 verstirbt Gustav von Klemperer plötzlich in seiner Bank. Seine Frau Charlotte folgt ihm acht Jahre später nach kurzer Krankheit. Beide wurden auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Dresden beigesetzt. 

Die Sammlung wird von den drei Söhnen übernommen und landet fast vollständig im Haus des ältesten Sohnes Victor in der Tiergartenstraße 64.

Schwarz-weiß Fotografie von Gustav und Charlotte von Klemperer. Sie sitzen in schicker Kleidung auf Korbstühlen in einem Garten und Blicken in die Kamera.

Familienbild von Klemperer

Victor und Sophie

Victor beschrieb in seinen Erinnerungen das Leben der Familie von Klemperer. Neben seiner Arbeit bei der Dresdner Bank war er im Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen und dem Förderkreis der Technischen Hochschule Dresden engagiert.

Auch er sammelte leidenschaftlich gerne. Seine Sammlung begann mit wertvollen Büchern und Frühdrucken – sogenannte Inkunabeln – und reichte über Gemälde und Grafiken bis hin zu Möbeln.

Fotografische Aufnahme in schwarz-weiß von Victor von Klemperer aus dem Jahr 1916. Er steht in Militäruniform vor einem gefüllten Bücherregal. In den Händen hält er ein geöffnetes Buch in dem er zu Lesen scheint.
Schwarz-weiß Aufnahme der vier Kinder von Victor und Sophie von Klemperer. Auf einem Tisch liegt ein Neugeborenes in weißer Kleidung. Hinter dem Tisch stehen ein Junge und ein Mädchen. Auf der rechten Kante des Tisches sitzt ein kleiner Junge.
Historische schwarz-weiß Fotografie. Die vier Kinder von Victor und Sophie von Klemperer sitzen in einer Reihe auf Stühlen im Garten.

Gemeinsam mit seiner Frau Sophie und ihren vier Kindern – Filotte, Peter, Gustl und Thea – lebte Victor in einer Villa in der Tiergartenstraße 64. Auch dieses Haus füllte sich über die Jahrzehnte mit einer beeindruckenden Sammlung.

Der Raub der Sammlung Klemperer

Mit der Machtübernahme der NSDAP wurde das Leben jüdischer Menschen durch immer neue Verordnungen eingeschränkt. Sie wurden beraubt, verfolgt und ermordet

Der sogenannte „NS-verfolgungsbedingte Kulturgutentzug“ erstreckte sich dabei nicht nur über besonders wertvolle Kunstwerke. Geraubt wurde alles, was Menschen besaßen – Kleidung, Möbel, Bücher. 

Auch die Sammlung der Familie von Klemperer wurde beschlagnahmt und blieb in Deutschland, während die drei Brüder mit ihren Familien das Land verlassen mussten.

Titelblatt einer Akte. Darauf steht Akten des Ministeriums für Volksbildung. Sachbetreff: Sammlung Klemperer
Maschinengeschriebene Seite aus einer Akte. An den Rändern wurden handschriftliche Ergänzungen vorgenommen.

Der Text dieser Akte stammt von Fritz Fichtner, der damals Direktor der Dresdner Porzellansammlung ist. 

Er wendet sich darin an den Reichstatthalter mit der Bitte, die von der Gestapo beschlagnahmte Sammlung der Familie von Klemperer seinem Museum zu übereignen. Das sei nötig, um Lücken der Sammlung zu schließen.

Erfolglos versuchten die drei Brüder, die in den Jahren 1937 bis 1939 nach England und Südafrika geflohen waren, gegen die Beschlagnahmung vorzugehen.

 

 

Maschinengeschriebene Seite aus einer Akte. An den Rändern wurden handschriftliche Ergänzungen vorgenommen.
Maschinengeschriebene Seite aus einer Akte.

11. Verordnung des Reichsbürgergesetzes

1941 schließlich wurde mit §1 und §2 der 11. Verordnung des Reichsbürgergesetzes Juden, die sich im Ausland aufhielten, die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und ihre Enteignung zum Gesetz gemacht.

Damit verloren die geflohenen Söhne der Familie von Klemperer die Staatsangehörigkeit und ihr im Deutschen Reich verbliebener Besitz fiel endgültig und per gesetzlicher Verordnung dem NS-Staat zu.

Ausschnitt einer Seite aus dem Reichsgesetzblatt von 1941. Man sieht schwarze Frakturschrift auf weißem Grund.

1943 überträgt Adolf Hitler persönlich die Porzellane der Familie an das Museum.

Schwarzweißfotografie. Historische Aufnahme eines langen Raum im Dresdner Zwinger. Zu beiden Seiten befinden sich Vitrinen mit Porzellan.
Schwarzweißfotografie. Historische Aufnahme von Porzellanvögeln in einer Holzvitrine.

Verbleib im Krieg

Als der Krieg Mitte der 1940er in Deutschland angekommen war, versuchte man die Bestände in Schutz zu bringen. Vieles wurde in Kisten verstaut und an andere Orte verbracht.

Schwarz-weißfotografie. Innenraumaufnahme mit gestapelten Holzkisten. Am den Wänden ist eine prunkvolle Tapete angebracht.

Rückgabe der Sammlung von Klemperer

Von der bedeutenden von Klemperer Sammlung blieben nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Scherben, aber auch vereinzelte Figuren sowie der Katalog. Vieles war über Sachsen verstreut, weit mehr noch in die Sowjetunion gebracht worden.

Provenienzforschung

Um den Verbleib und die Herkunft von Sammlungsobjekten klären zu können, betreiben Museen, Archive und Bibliotheken Provenienzforschung.

Häufig stellen sich dabei Fragen zu einem angemessenen Umgang mit früheren und aktuellen Eigentümern, für die nach gerechten und fairen Lösungen gesucht wird.

 

Schwarz-weiß Fotografie, historische Aufnahme der Familie von Klemperer im Garten ihres Hauses Wiener Straße 25.

Schon in dern 1940er- und 50er-Jahren hatten die Kinder und Enkel von Gustav von Klemperer über ihren Anwalt Anfragen zur Rückgabe ihrer Sammlung an die sächsische Regierung gestellt. 

Sachsen gehörte zu dieser Zeit zur sowjetischen Besatzungszone. In dieser gab es allerdings keine Gesetze, auf die man sich im Sinne einer Rückgabe hätte berufen können.

Nach der Wiedervereinigung wurde schließlich aufgrund der anhaltenden Nachfragen der von Klemperers verstärkt in den Beständen der Porzellansammlung nach dem Verbleib ihrer Objekte geforscht.

 

Der Katalog von Gustav von Klemperer war dabei mit den zahlreichen Beschreibungen und Fotos eine wichtige Quelle. Auch Fotos mit Innenansichten der Wohnräume und Erzählungen der Nachfahren spielten eine zentrale Rolle.

Restitution erster Teil an die Klemperers

So konnten 86 weitgehend intakte Figuren und Geschirrteile im Jahr 1991 an die Nachfahren der Familie von Klemperer restituiert werden. Doch noch immer lagen Porzellanscherben im Depot der Porzellansammlung.

 

 

Die Abbildung zeigt eine Porzellantaube. Sie hat blaues und weißes Gefieder. Sie sitzt auf einem kleinen Kranz aus weißen Ästen.

Restitution zweiter Teil an die Klemperers

Ab 2006 wurde das gesamtes Depot der Porzellansammlung, auch die Scherben, näher untersucht  – mit Erfolg. Durch alte Fotonegative, Probedrucke und Archivakten konnten Hunderte als Burchstücke von Porzellanen aus der Sammlung von Klemperer identifiziert werden.

Im April 2010 wurden weitere 227 Porzellane, zum Teil nur noch als Scherben, restituiert.

 

 

Aufnahme von Bruchteilen eines Porzellanobjektes. Die Stücke sind weiß, blau, gold, grün, beige und lila lackiert.

63 davon schenkten die Erben der Familie von Klemperer der Porzellansammlung, sodass sie Teil der Sammlung blieben.

Diese 22 Porzellane der Sammlung von Klemperer sind heute in der Dresdner Porzellansammlung zu sehen: