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Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Vermeer Schriftzug
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Wolfgang Kreische

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Johannes Vermeer, Häuseransicht in Delft (Die kleine Straße), um 1658

Delft im 17. Jahrhundert

Vortreffliche Stadt

Johannes Vermeer, Häuseransicht in Delft (Die kleine Straße), um 1658
Öl auf Leinwand, 54,3 x 44 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Inv.-Nr. SK-A-2860, Amsterdam, © Rijksmuseum, Foto: Carola van Wijk

Schematische Landkarte der Niederlande im 17. Jahrhundert
Schematische Landkarte der Niederlande im 17. Jahrhundert
Dresden © Sandstein Kommunikation GmbH

"Delft hat so viele Brücken wie das Jahr Tage hat, und ebenso viele Grachten und Wasserstraßen, auf denen die Schiffe hin- und herfahren."

Schriftzug 1636

William Crowne, englischer Reisender

Vermeers Heimat­stadt Delft spielte im Un­ab­hängig­keits­krieg der nieder­ländischen Provinzen eine wichtige Rolle. Um 1650 zählte sie zu den fünf größten Städten der Nieder­lande und hatte einen geschäf­tigen Hafen. Braue­reien, Keramik­manu­fakturen und Teppich­wirke­reien bildeten das Funda­ment ihrer starken Wirt­schaft. Die Her­stellung der Delfter Fayencen ent­wickelte sich zu einem Ver­kaufs­schlager im In- und Ausland. Der Sitz der Nieder­ländischen Ostindien-Kompanie brachte der Stadt durch den See­handel mit Gewürzen, Porzellan und Luxus­gütern zusätz­lichen Reich­tum.

Von 1572 bis zu seiner Ermordung 1584 residierte in Delft Wilhelm von Oranien (1533-1584), einer der wichtigsten Anführer des Aufstandes gegen die Spanier und später erster Statthalter der jungen Republik.

Daniel Vosmaer, Delft von einer imaginären Loggia aus, 1663
Daniel Vosmaer, Delft von einer imaginären Loggia aus, 1663
Öl auf Leinwand, 90,5 x 113 cm, Delft, Stedelijk Museum, Het Prinsenhof, Leihgabe des Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed (RCE), Inv.-Nr. NK 2927, Delft, © Collection Museum Prinsenhof, On loan from the Cultural Heritage Agency of the Netherlands, Foto: Tom Haartsen
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Johannes Janssonius, Theatrum urbium (8 Bde.), Delfi Batavorum Vernacule Delft (Stadtplan von Delft) (1 : 4 000), um 1657
Kolorierter Kupferstich, 59 x 43,6 cm (Blatt), Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek, SIgnatur: Geogr.A.230-3 (Blatt 73), Dresden, © Sächsische Landesbibliothek – Staats und Universitätsbibliothek / Deutsche Fotothek
Info Text
Wissen schafft Wohlstand

Delft schaut genau hin

Johannes Vermeer, Das Mädchen mit dem Weinglas, um 1658/59

Johannes Vermeer

Die "Sphinx von Delft"?

Johannes Vermeer, Das Mädchen mit dem Weinglas, um 1658/59
Öl auf Leinwand, 77,5 x 66,7 cm, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, Kunstmuseum des Landes Niedersachsen, Inv.-Nr. GG 316, Braunschweig, © Herzog Anton Ulrich-Museum, Foto: Claus Cordes

Johannes Vermeer – heute ein Popstar unter den Künstlern des so genannten Goldenen Zeitalters der Holländischen Malerei – war nach seinem Tod vergessen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er dank des Engagements des französischen Kunsthistorikers Théophile Thoré-Bürger als Künstler­persönlichkeit wieder­entdeckt. Thoré-Bürger war es auch, der dem damals noch geheimnisumwitterten Maler den Beinamen „Sphinx von Delft“ verlieh.

Johannes Vermeer wurde 1632 als Kind eines Seiden­wirkers, Gastwirts und Kunst­händlers in Delft geboren. Nach seiner Aus­bildung zum Maler heiratete er 1653 die wohl­habende Catharina Bolnes und konver­tierte zum Katho­lizismus. Im gleichen Jahr wurde er als Meister in die St. Lukas-Gilde aufge­nommen. 1660 zog die Familie in das Haus seiner Schwiegermutter, wo Vermeer bis zu seinem Lebensende wohnte und arbeitete. Wichtige Ämter in der Lukas-Gilde, seine Arbeit als Kunst­sachverständiger sowie hohe Gemälde­preise zeugen von der großen Wert­schätzung, die ihm und seinen Werken zu Lebzeiten ent­gegen­gebracht wurde. Mit nur 43 Jahren starb Vermeer und hinter­ließ eine Witwe und elf Kinder.

Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.
Sehen wir hier ein Selbst­bildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunst­wissen­schaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.
Johannes Vermeer, Bei der Kupplerin, 1656, Öl auf Leinwand, 143 x 130 cm, Staatliche Kunst­sammlungen Dresden, Gemälde­galerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1335, Dresden, © Gemälde­galerie Alte Meister, Staatliche Kunst­sammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank

Auf dem Weg zum Genie

Zu Beginn seiner Karriere malte Vermeer Bilder mit mythologischen und christlichen Themen. Historienbilder galten als anspruchsvoll, genossen das höchste Ansehen und versprachen dem jungen Künstler die beste Aussicht auf ein gesichertes Einkommen.

Die Szene mit der Jagd­göttin Diana wird in den Meta­mor­phosen des Ovid be­schrie­ben: Beim Baden ent­decken ihre Ge­fähr­tin­nen die Schwan­ger­schaft der Nymphe Callisto, die da­rauf­hin ver­stoßen wird. Künstler nutzten diese Szene, um weib­liche Akte und dra­ma­tische Gesten dar­zu­stellen. Ver­meers Figuren jedoch sind be­klei­det und ver­strö­men me­di­ta­tive Ruhe; Callisto selbst steht im dunklen Hin­ter­grund.

Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.
Johannes Vermeer, Diana und ihre Ge­fähr­tin­nen beim Bade, um 1653/54
Öl auf Leinwand, 97,8 x 104,6 cm, Den Haag, Koninklijk Kabinet van Schilderijen, Mauritshuis, Inv.-Nr 406, Den Haag © Mauritshuis, Foto: Margareta Svensson
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Johannes Vermeer, Bei der Kupplerin, 1656
Öl auf Leinwand, 143 x 130 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1335, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank

Das farbig kraftvolle, groß­figurige Früh­werk Vermeers greift das populäre Thema der Fröh­lichen Gesell­schaft auf: Eine illustre Gruppe mit einem Freier in roter Jacke, der gerade eine junge Prosti­tuierte bezahlt, drängt sich hinter der teppich­ver­hangenen Balus­trade. Mit dem ein­ladenden Trinker im Renaissance­kostüm, der schwarz­verhüllten Kupplerin und dem Paar greift Vermeer auf Figuren­typen aus Gemälden der sog. Utrechter Caravag­gisten zurück, holländischen Malern, die in Italien die Werke Caravag­gios studiert hatten.

Mit stillen, poetischen Innen­raum­szenen hatte Vermeer Ende der 1650er Jahre sein Thema gefunden. Die junge Frau im Profil ist in das Lesen eines Briefes versunken. Ihre Garde­robe, ihre Bildung und die feine Zurück­haltung ihrer Er­schei­nung ent­sprechen dem Frauen­ideal seiner Zeit. Der kleine Liebes­gott im Bild an der Zimmer­wand kommentiert die Szene: Liebe liegt in der Luft.

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Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Wolfgang Kreische
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Vermeer unterrichtet sich selbst

Vermeer wird seine künst­lerische Aus­bil­dung um 1646-1653 er­hal­ten haben. Es sind weder der Name eines Lehrers noch der Ort seiner Aus­bil­dung über­lie­fert. Fest steht, dass er sich zu Beginn seiner Kar­riere offen­bar selbst­stän­dig an ver­schie­denen Genres und Stilen schulte. Der Kunst­han­del und die Be­zie­hun­gen seines Vaters werden ihm dazu viel­fäl­tige Mög­lich­kei­ten er­öff­net haben.

"So ist der Phönix [Carel Fabritius], uns zum Verlust, nun tot Inmitten, ja auf der Höhe seiner Schaf­fens­kraft Doch uns zum Glück stieg aus seines Feuers Glut Vermeer, der meister­lich in seine Pfade trat."

Schriftzug 1636

Dirck van Bleyswijck

Johannes Vermeers Gesamt­werk ist klein, nur etwa 35 Gemälde sind erhalten. Innerhalb kürzester Zeit wechselte der junge Künstler von Historien­gemälden zur klassisch-eleganten Genre­malerei. Mit seinen gehobenen Alltags­szenen orientierte er sich am Geschmack des aufstrebenden holländischen Bürger­tums. Seine Bild­themen und Formate änderten sich.

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Ende der 1650er Jahre hat Vermeer seine per­spek­tivischen Innen­raum­szenen mit mehreren Figuren weiter­ent­wickelt. In einer Zimmer­ecke unter­hält sich eine kleine, elegante Tisch­gesell­schaft beim Wein­trinken. Der ältere Galan scheint die aufrecht sitzende junge Frau in guten Um­gangs­formen zu unter­richten. Der Mann hinter dem Tisch wirkt distan­ziert und träge – eine Ver­körper­ung des Lasters der Faul­heit? Die alle­gorische Figur der Ent­halt­sam­keit in der Fenster­scheibe und das strenge Herren­porträt an der Wand bilden ein inhalt­liches Gegen­gewicht zur sinn­lichen Szene.

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Johannes Vermeer, Das Mädchen mit dem Weinglas, um 1658/59
Öl auf Leinwand, 77,5 x 66,7 cm, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, Kunstmuseum des Landes Niedersachsen, Inv.-Nr. GG 316, Braunschweig, © Herzog Anton Ulrich-Museum, Foto: Claus Cordes

Die Kleine Straße ist eine von zwei erhaltenen Stadt­ansichten Vermeers. Das Renaissance­haus mit seiner getreppten Back­stein­fassade und der angrenzende Durch­gang sind von Frauen und Kindern bei alltäglichen Be­schäfti­gungen belebt. Vermeers Mal­stil wechselt zwischen erstaunlicher Detail­treue und fast impressionistisch anmutenden Partien, zwischen exakter Schilderung des Beobachteten und bild­wichtigen Er­findungen. Vielleicht malte Vermeer hier das Haus seiner Tante, die Identifikation des Ortes ist jedoch umstritten.

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Johannes Vermeer, Häuseransicht in Delft (Die kleine Straße), um 1658
Öl auf Leinwand, 54,3 x44 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Inv.-Nr. SK-A-2860, Amsterdam, © Rijksmuseum, Foto: Carola van Wijk
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Johannes Vermeer, Briefleserin in Blau, um 1663
Öl auf Leinwand, 46,5 x 39 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Leihgabe der Stadt Amsterdam, Inv.-Nr. SK-C-251, Amsterdam, © Rijksmuseum, Foto: Carola van Wijk

Der Betrachter ist der jungen Frau ganz nahegerückt. Die illusio­nis­tische Dar­stel­lung der Lesenden geht über die Wirk­lich­keits­nähe früherer Inte­rieur­szenen Vermeers hinausgeht. Ein starker Licht­ein­fall von links legt weiche Licht­höfe an die Kon­tu­ren und hinter­lässt farbige Schat­ten auf der Wand. Eine Land­karte mit der Ansicht von Holland und West­fries­land hinter­fängt die junge Frau – eine Anspielung auf einen auswärtigen Brief­ab­sen­der?

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Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672
Öl auf Leinwand, 51,7 x 45,2 cm, London, National Gallery, Inv.-Nr. NG 1383, London, © National Gallery

Die elegante Musikerin wendet sich mit offenem Ausdruck ihrem Gegen­über zu. Das Bild des Liebes­gottes hinter ihr spricht eine deutliche Sprache: Die Harmonie der Musik möge in einen Gleich­klang der Herzen über­gehen. Sie steht genau in der Mitte eines licht­durch­fluteten Raumes, dessen Ein­richtungs­stücke in ihrer klaren geo­metrischen Form auf sie bezogen sind. Die Ideali­sierung ihrer Gestalt und die Neigung zu abstrakten Formen ent­sprechen einer all­gemeinen Stil­ent­wicklung in den 1670er Jahren.

Licht, Raum und Struktur

Vermeers Maltechnik

Das Brieflesende Mädchen am offenen Fenster (1657-59) von Johannes Vermeer im Detail
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657–1659, Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Video: Jürgen Lange

Ver­meers Mal­wei­se ent­sprach der zu sei­ner Zeit gän­gi­gen Pra­xis. Sei­ne Pa­let­te – die etwa 20 vom Künst­ler ver­wen­de­ten Far­ben – un­ter­schied sich nicht von der sei­ner Zeit­ge­nos­sen. Ne­ben far­bi­gen Er­den setz­te der Künst­ler aus Mi­ne­ra­li­en her­ge­stell­te Far­ben ein. Häu­fig ver­wen­de­te er das teu­ers­te die­ser Pig­men­te, das aus La­pis­la­zu­li ge­won­ne­ne Ultra­ma­rin. Die be­son­de­re Leucht­kraft ein­zel­ner Bild­par­ti­en er­ziel­te er durch den Ein­satz von Blei­weiß und Blei­zinn­gelb.

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Johannes Vermeer, Briefleserin in Blau, um 1663
Öl auf Leinwand, 46,5 x 39 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Leihgabe der Stadt Amsterdam, Inv.-Nr. SK-C-251, Amsterdam, © Rijksmuseum, Foto: Carola van Wijk
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Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59;
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Wolfgang Kreische;
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Gerard ter Borch, Briefschreibende Frau, um 1655
Öl auf Holz, 38,3 x 27,9 cm, Den Haag, Koninklijk Kabinet van Schilderijen Mauritshuis, Schenkung Sir Henri W.A. Deterding, Inv.-Nr. 797, Den Haag, © Mauritshuis, Foto: Margareta Svensson

Vermeer setzte Farbe innovativ und sehr variabel ein: Aus Unter­malungen und Lasuren bestehende Farb­schichten erzeugen optische und strukturelle Effekte, die Wirk­lich­keit vor­täuschen. Durch einen pastosen Farb­auftrag erlangen die dar­ge­stellten Dinge eine beinahe greif­bare Qualität. Der Teppich in der Dresdner Brief­leserin mit seinen hellen Licht­punkten zeigt das ein­drucks­voll, besonders im Ver­gleich mit einem Bild­detail von Gerard ter Borch.

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(1) Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672;
(1) Öl auf Leinwand, 51,7 x 45,2 cm, London, National Gallery, Inv.-Nr. NG 1383, London, © National Gallery;
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(2) Caspar Netscher, Musizierendes Paar, 1666
(2) Öl auf Eichenholz, 59,5 x 46 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1349, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel

Vermeers Malerei ist konzentriert auf das Zusammen­spiel von Licht und Farbe. Im Vergleich mit einem Werk Caspar Netschers wird der Unter­schied deutlich: Vermeer erfasste Licht­effekte so, wie das Auge sie aufnimmt – nicht als bereits ver­arbei­tetes Gesamt­bild. Im Laufe seines Schaffens wird der Farb­auftrag in seinen Werken glatter und feiner. Im Spät­werk definierte Vermeer Ober­flächen durch abstrakte Formen und eine deko­rative Pinsel­schrift, seine Mal­technik ver­einfacht sich.

"Ich machte mich auf den Weg, um den gefeierten Maler namens Vermeer zu besuchen, der mir einige Beispiele seines Könnens zeigte, deren außergewöhnlichster und bemerkenswertester Aspekt die Perspektive ist."

Schriftzug 1636

Pieter Teding van Berckhout

Vermeer und die Perspektive

Ver­meers Wer­ke zeu­gen von sei­ner Kennt­nis der Ge­set­ze der Zen­tral­per­spek­ti­ve. Es wird ver­mu­tet, dass Ver­meer die räum­li­che An­la­ge sei­ner Ge­mäl­de mit­tels ei­ner ein­fa­chen me­cha­ni­schen Me­tho­de di­rekt auf der Lein­wand fest­leg­te: Im Flucht­punkt der Kom­po­si­tion fi­xier­te man ei­nen Na­gel, von dem aus mit Hil­fe ei­nes ge­spann­ten Stricks die kor­rek­ten Flucht­li­ni­en er­mit­telt wur­den. Nicht al­le sei­ner Ge­mäl­de fol­gen je­doch ei­ner ex­ak­ten Per­spek­ti­ve. Viel­fach setz­te Ver­meer of­fen­bar die Be­ob­ach­tung der Wirk­lich­keit an die Stel­le der ma­the­ma­ti­schen Kon­struk­tion.

Das Brieflesende Mädchen am offenen Fenster (1657-59) von Johannes Vermeer im Detail

Restaurierung eines Meisterwerks

Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Wolfgang Kreische

Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, 1657-1659, (1) Zustand vor der Restaurierung, (2) Zustand nach der Restaurierung
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Fotos: (1) Wolfgang Kreische, (2) Herbert Boswank

Milimeter für Milimeter

Die am Anfang der Res­tau­rie­rung ste­hen­de Firnis­ab­nah­me und eine an­schlie­ßen­de Ent­nah­me von Farb­pro­ben er­brach­ten ein er­staun­li­ches Er­geb­nis: Zwi­schen der ori­gi­na­len Farb­schicht des Cu­pi­dos und der Über­ma­lungs­far­be lag eine zwei­fa­che Firnis- und Schmutz­schicht. Die Über­ma­lung konn­te also erst län­ge­re Zeit nach der Fer­tig­stel­lung des Ge­mäl­des auf­ge­tra­gen wor­den sein.

Eine Ex­per­ten­kom­mis­si­on ent­schied 2017, die­se Über­ma­lung zu­guns­ten des Ori­gi­nals von Ver­meer ab­zu­neh­men. Dar­auf­hin wur­de sie Mil­li­me­ter für Mil­li­me­ter mit ei­nem Skal­pell un­ter dem Mi­kros­kop ent­fernt. Zum Vor­schein kam das aus­ge­zeich­net er­hal­te­ne und be­reits ge­al­ter­te Bild ei­nes nack­ten, blon­den Kna­ben mit ei­nem Bo­gen in der Hand.

Video Vorschau
Kurzfilm zur Restaurierung des Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster (1657-59) von Johannes Vermeer
Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Video: Jürgen Lange
Info Text
Der Cupido wird übermalt

Warum hat man ein solch großes Bild­ele­ment unsicht­bar gemacht? Zum Zeit­punkt der Über­ma­lung war das Cupido-Bild offen­bar in gutem Zustand. Es wurde wohl aus ästhe­tischen Grün­den aus dem Gemälde getilgt. Im Jahr 1742, bei der Er­wer­bung für den säch­si­schen Kur­für­sten Friedrich August II. wird das bild­wich­tige Detail schon nicht mehr erwähnt. Die Spur führt nach Paris, wo das Brief­le­sen­de Mäd­chen zusam­men mit anderen Gemäl­den vor der Reise nach Dresden in den Händen eines Res­tau­ra­tors war.

Vermeer experimentiert

Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59, (1) nach der Restaurierung, (2) Röntgenbild vor der Restaurierung
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, (1) Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank, (2) Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden und Fine Arts Museum of San Francisco, Foto: Wolfgang Kreische

Das Röntgenbild zeigt das große, mit Weinlaub umrankte Römerglas mit Beerennuppen-Fuß in der rechten vorderen Bildecke.

Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59, (1) nach der Restaurierung, (2) Röntgenbild vor der Restaurierung
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, (1) Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank, (2) Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden und Fine Arts Museum of San Francisco, Foto: Wolfgang Kreische

Die Infrarot­reflek­to­grafie zeigt auf dem Tisch links vom Vorhang die Umrisse eines Löwen­kopfes, wie er den Spanischen Stuhl in der Zimmer­ecke schmückt. Man erkennt auch die ursprüng­lichen Umrisse der gedrehten Mädchen­figur.

Lernen von den Kollegen

Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.
Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.

Ver­meers Ent­schei­dung für den Vor­hang zeigt sein In­ter­es­se an der Del­fter Ar­chi­tek­tur­ma­le­rei. Be­son­ders die Kir­chen­in­te­ri­eur-Dar­stel­lun­gen von Ge­rard Houck­geest und Hen­drick van Vliet mit ih­ren au­gen­täu­schend ge­mal­ten, vor­ge­blen­de­ten Rah­men mit grü­nem Vor­hang be­ein­druck­ten ihn. Ver­meer über­nahm die­ses il­lu­sio­nis­ti­sche Mo­tiv. Die Un­ter­schei­dung zwi­schen Bild- und Be­trach­ter­raum fällt in sei­nem Ge­mäl­de al­ler­dings schwer.

Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.
Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.

Anregungen für die stehende Einzelfigur empfing Vermeer u.a. von den frühen Genrebildern des Leidener Malers Frans van Mieris. Dessen grazile, elegante Frauenfiguren, z.B. in der Dame am Cembalo, zeigen eine Verwandtschaft zu Vermeers etwa zeitgleich entstandener Gestalt der Dresdner Briefleserin.

Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.
Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.

Wie jenes Gemälde aussah, das Vermeer für das Bild im Bild mit dem Liebes­gott als Vorbild diente, ist bis heute nicht geklärt. Wahr­schein­lich hatte er das Werk eines klassi­zis­tischen Malers vor Augen. Es könnte Ceasar van Ever­din­gens Amor mit der Glas­kugel ähnlich gewesen sein.

Das Brieflesende Mädchen am offenen Fenster (1657-59) von Johannes Vermeer im Detail

Vom Innehalten

Johannes Vermeer, Frau mit Waage, um 1664
Öl auf Leinwand, 39,7 x 35,5 cm, Washington, National Gallery, Widener Collection, Inv.-Nr. 1942.9.97, Washington, © National Gallery of Art

Genre­szenen mit einer einzelnen Frauen­figur machen einen wichtigen Teil von Ver­meers Œuvre aus. Sie bestechen durch die Aus­ge­wo­gen­heit ihrer Kompo­si­tionen, die raffi­nierte Licht­führung und die Brillanz der Farben. Die Frauen sind mit alltäg­lichen Dingen beschäftigt. Doch ihre innere Ruhe und Seelen­kraft verleihen ihrer Dar­stellung etwas Symbol­isches und Existen­zielles. Darin unter­scheidet sich Ver­meers Genre­malerei von den erzähler­ischen Schil­de­rungen seiner Zeit­ge­nossen.

Das kürzlich freigelegte Hinter­grund­bild in Vermeers Brief­lesendem Mädchen am offenen Fenster hat den symbolischen Gehalt des Gemäldes wieder ans Licht gebracht. Das Motiv des Liebes­gottes, der in eine Maske tritt, geht zurück auf einen Kupfer­stich in einem Emblem­buch. Dessen Botschaft „Wahre Liebe überwindet Täuschung und Betrug" haben Vermeers Zeit­genossen mit der ganz ins Lesen vertieften jungen Frau verknüpft.

Beim Anlegen ihrer Perlen­kette fällt der Blick der jungen Frau in den Spiegel – und scheint dort einen Augen­blick zu verweilen. Vermeer hat diesem Moment in seinem Gemälde Dauer verliehen. Ihre aufrechte Gestalt in einer Garde­robe aus fein abge­stimmten Gelb-, Braun- und Weiß­tönen hebt sich vom lichten Grau der leeren Wand ab. Vermeer wählte ein modernes Thema, zu dem er durch andere Künstler angeregt wurde, die er in der psycho­logischen Klarheit und Tiefe seiner Schil­derung weit über­trifft.

Um­flos­sen von ge­dämpf­tem Licht steht eine Frau an einem Tisch, auf dem Per­len­schmuck und Gold­mün­zen aus­ge­brei­tet sind. Kon­zen­triert und ge­las­sen zu­gleich scheint sie das Gleich­ge­wicht der leeren Waage zu prüfen, die sie in ihrer Rech­ten hält. Als Bild im Bild an der Rück­wand adap­tier­te Ver­meer wahr­schein­lich eine äl­te­re flä­mi­sche Dar­stel­lung des Jüngs­ten Ge­richts. Es ist ein Ab­wä­gen zwi­schen welt­li­chen, ver­gäng­li­chen Reich­tü­mern und in­ne­ren, spi­ri­tu­el­len Wer­ten, das in der in sich ru­hen­den Ge­stalt sei­nen Aus­druck fin­det.

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Religion in den Niederlanden

Die Situation der Religionen in den Vereinigten Niederlanden war das Resultat politischer und religiöser Konflikte, die auf das 16. Jahrhundert zurückgehen. Der Kampf der protestantischen nördlichen Provinzen gegen die Macht der katholischen Habsburger im Süden führte zu einer territorialen und religiösen Spaltung. In deren Folge entwickelte sich in den Vereinigten Provinzen im Norden eine europaweit einzigartige religiöse Toleranz. Unterschiedliche protestantische Gruppen und Glaubens­gemein­schaften existierten nebeneinander. Aus ganz Europa wanderten verfolgte Protestanten, Juden und Hugenotten in die Nördlichen Niederlande ein. Neben der vorherrschenden reformierten Kirche der Calvinisten existierten Mennoniten und Wiedertäufer. Mitglieder der katholischen Kirche, die auch im Norden weiterbestand, wurden dagegen in ihrer Glaubens­aus­übung stark eingeschränkt, öffentliche Gottes­dienste waren verboten.

Das Brieflesende Mädchen am offenen Fenster (1657-59) von Johannes Vermeer im Detail

Die ganze Welt im Bild

Johannes Vermeer, Briefleserin in Blau, um 1663
Öl auf Leinwand, 46,5 x 39 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Leihgabe der Stadt Amsterdam, Inv.-Nr. SK-C-251, Amsterdam, © Rijksmuseum, Foto: Carola van Wijk

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Wirtschaftswunder Niederlande

Ende des 16. Jahr­hun­derts begann der bei­spiel­los Auf­stieg der nörd­li­chen Pro­vin­zen der Nie­der­lan­de zur füh­ren­den Wirt­schafts­macht. Die Ha­fen- und Spei­cher­stadt Am­ster­dam ent­wickel­te sich zum be­deu­tend­sten Han­dels­zen­trum Eu­ro­pas. Die Grün­dung der Ver­ei­nig­ten Ost­in­di­schen und der West­in­di­schen Kom­pa­nie be­för­der­ten zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts den nie­der­län­di­schen See­han­del. Hol­län­di­sche Han­dels­schif­fe, die Wa­ren aus vier Kon­ti­nen­ten in die Nie­der­lan­de brach­ten, be­herrsch­ten die Welt­mee­re. Ne­ben ei­ner gro­ßen Wa­ren­bör­se be­trieb Am­ster­dam ei­ne Wech­sel­bank, die den in­ter­na­tio­na­len Zah­lungs­ver­kehr re­gel­te. Ein so­li­des Steu­er- und Fi­nanz­sy­stem mach­te die Ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen und ih­re Un­ter­neh­men welt­weit zu be­gehr­ten Ge­schäfts­part­nern. Der weit über­durch­schnitt­li­che Wohl­stand brei­ter Schich­ten der hol­län­di­schen Be­völ­ke­rung trug zum Auf­blü­hen von Wis­sen­schaft und Kunst im so ge­nann­ten Gol­de­nen Zeit­al­ter bei.

Wallerant Vaillant, Ein Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern, 1658
Wallerant Vaillant, Ein Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern, 1658
Öl auf Papier, auf Leinwand gezogen, 51,5 x 40,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1232, Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel und Hans-Peter Klut

Briefe verbinden

Das Schreiben und Aus­tauschen von Briefen be­deutete für die Nieder­länder im 17. Jahr­hundert die Öffnung zur Welt. Für eine Handels­nation, deren männliche Be­wohner teils oft jahrelang auf Reisen waren, ge­hörte der Brief­verkehr zu den Vor­aus­setzungen einer florierenden Wirt­schaft und eines funktionierenden Gemein­wesens. Das Ver­fassen von Briefen wurde zu einer weit­ver­breiteten Mode. Gern nutzte man dafür ge­druckte An­leitungen, die Beispiel­briefe für die unter­schied­lichsten An­lässe bereit­hielten.

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Gabriel Metsu, Briefschreibender Mann, um 1664-1666
Öl auf Holz, 52,5 x 40,2 cm, Dublin, National Gallery of Ireland, Inv.-Nr. NGI.4536, Dublin, © National Gallery of Ireland, Foto: Roy Hewson
Ein junger Gentle­man sitzt in eleganter Pose am Tisch und verfasst einen Brief. In seinem reich ausge­stat­teten Raum ist er von Attri­buten der Ferne umgeben: ein persi­scher Teppich liegt auf dem Tisch, ein Globus scheint durch die Fenster­schei­ben, das Bild an der Wand zeigt eine italie­nisch anmu­tende Land­schaft. Beim Schreiben scheint er ganz auf die abwe­sende Empfän­gerin seiner Zeilen konzen­triert zu sein.

Wissenschaft im Dienst des Wandels

Johannes Vermeer, Der Geograph, um 1669
Johannes Vermeer, Der Geograph, um 1669
Öl auf Leinwand, Frankfurt, Städel Museum, Inv.-Nr. 1149 © Städel Museum, Frankfurt am Main

Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672

Die Sprache der Bilder

Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672
Öl auf Leinwand, 51,7 x 45,2 cm, London, National Gallery, Inv.-Nr. NG 1383, London, © National Gallery

An den Wänden der zahlreichen Inte­rieur­szenen finden sich Bilder aller Art. Sie gehörten im 17. Jahr­hundert zur selbst­ver­ständ­lichen Aus­stat­tung holländi­scher Haus­hal­te der Mittel-und Ober­schicht. Der Grund für ihre Anwe­sen­heit liegt oft neben dem rein deko­ra­ti­ven Zweck in einer kalku­lier­ten, damals all­ge­mein ver­ständ­li­chen Bild­spra­che: Das Bild im Bild wird der Haupt­sze­ne des Gemäl­des als Kom­men­tar hinzu­fügt und beein­flusst die Rezep­ti­on des Gesamt­werks. Auch Johannes Vermeer bediente sich dieses künst­le­ri­schen Mit­tels.

Vermeer ver­weist in vier seiner Werke direkt auf das Thema der Liebe, indem er den Liebes­gott als Bild im Bild in die Kompo­si­tionen ein­fügte. Das Motiv war aus einem popu­lären Emblem­buch von Otto van Veen all­gemein bekannt. Wie im Gemälde Brief­lesende Mädchen am offenen Fenster tritt Cupido auch im Emblem Incon­cussa Fide auf die am Boden liegende Maske: Wahre Liebe ver­langt Auf­richtig­keit, nur sie über­windet Heuchelei und Täu­schung.

Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Öl auf Leinwand, 83 × 64,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1336, Dresden, © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Wolfgang Kreische
Cornelis Boel, Inconcussa fide (Oprecht) [28] (aus: Otto van Veen, Amorum emblemata, Antwerpen 1608)
Cornelis Boel, Inconcussa fide (Oprecht) [28] (aus: Otto van Veen, Amorum emblemata, Antwerpen 1608)
Kupferstich, 20,2 × 15,1 cm Dresden, Sächsische Landesbibliothek – Staatsund Universitätsbibliothek, Signatur: Art.plast. 1176, Dresden, © Sächsische Landesbibliothek – Staats und Universitätsbibliothek / Deutsche Fotothek, Foto: Lydia Pokoj

Für einen Mo­ment ist die Auf­merk­sam­keit der jungen Frau vom gemein­sa­men Musi­zie­ren ab­ge­lenkt; ihr Blick ist direkt auf uns ge­rich­tet. Das Bild eines Liebes­got­tes an der Wand im Hinter­grund zeigt, dass das An­lie­gen des Herrn neben ihr über das Musi­zie­ren hinaus­geht: Das musi­ka­li­sche Har­mo­nie­ren steht sinn­bild­lich für die er­hoff­te Ver­ei­ni­gung der See­len.

Johannes Vermeer, Die unterbrochene Musikstunde, um 1658/59
Johannes Vermeer, Die unterbrochene Musikstunde, um 1658/59
Öl auf Leinwand, 39,4 x 44,5 cm, New York, The Frick Collection, Henry Clay Frick Bequest, Inv.-Nr. 1901.1.125, New York, © The Frick Collection, Foto: Michael Bodycomb

Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672
Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672
Öl auf Leinwand, 51,7 x 45,2 cm, London, National Gallery, Inv.-Nr. NG 1383, London, © National Gallery
Info Text
Emblemliteratur in den Niederlanden

Als wichtige Hilfs­mittel für die Deutung verbor­gener Inhalte in Bildern der nieder­län­dischen Genre­malerei dienten zeit­genös­sische lite­ra­rische Schrif­ten und Druck­gra­fiken. In Emblem­büchern, einer lite­ra­rischen Sonder­form, wurden Bilder und Texte, meist nach Themen geordnet, zusammen­geführt. Sie waren in der Regel drei­teilig und bestan­den aus einem Motto, das über einem Bild stand und das Thema vor­gab, sowie dem Epi­gramm, einer meist in Vers­form ab­ge­fassten Erklä­rung zu Bild und Motto. Die Kennt­nis der Emblem­lite­ratur war für das Ent­schlüs­seln verbor­gener Bild­inhalte von zen­traler Bedeu­tung. Die zur Zeit Ver­meers bekann­testen und beliebt­esten Emblem­bücher stamm­ten von Otto van Veen (Amorum emblemata, 1608), Daniel Heinsius (Ambacht van Cupido, 1615) und Jacob Cats (Sinne – en minne­beelden, 1627).

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Gabriel Metsu, Das Geschenk des Jägers, um 1658–1661
Öl auf Holz, 52,5 x 40,2 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Inv.-Nr. SK-A-379, Amsterdam, © Rijksmuseum, Foto: Carola van Wijk
Das Angebot des Jägers, der einer sitzenden Jungen Dame ein totes Rebhuhn reicht, hat einen anrüchigen Bei­geschmack. Die Szene wurde von Metsus Zeit­genossen unschwer als Ein­ladung zum Sex erkannt, stand doch der nieder­ländische Begriff vogelen (vögeln) für den Bei­schlaf, einen Liebhaber nannte man vogelaar (Vogel­fänger). Das geladene Gewehr am Boden verstärkt diese Lesart, während die kleine Amor­figur auf dem Schrank den Geist der Liebe beschwört. Die Frau bleibt jedoch vage: während sie den Vogel mit Interesse betrachtet, greift ihre Hand zum Gebet­buch.

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