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"Delft hat so viele Brücken wie das Jahr Tage hat, und ebenso viele Grachten und Wasserstraßen, auf denen die Schiffe hin- und herfahren."
William Crowne, englischer Reisender
Vermeers Heimatstadt Delft spielte im Unabhängigkeitskrieg der niederländischen Provinzen eine wichtige Rolle. Um 1650 zählte sie zu den fünf größten Städten der Niederlande und hatte einen geschäftigen Hafen. Brauereien, Keramikmanufakturen und Teppichwirkereien bildeten das Fundament ihrer starken Wirtschaft. Die Herstellung der Delfter Fayencen entwickelte sich zu einem Verkaufsschlager im In- und Ausland. Der Sitz der Niederländischen Ostindien-Kompanie brachte der Stadt durch den Seehandel mit Gewürzen, Porzellan und Luxusgütern zusätzlichen Reichtum.
Von 1572 bis zu seiner Ermordung 1584 residierte in Delft Wilhelm von Oranien (1533-1584), einer der wichtigsten Anführer des Aufstandes gegen die Spanier und später erster Statthalter der jungen Republik.
Daniel Vosmaer, Delft von einer imaginären Loggia aus, 1663
Johannes Vermeer – heute ein Popstar unter den Künstlern des so genannten Goldenen Zeitalters der Holländischen Malerei – war nach seinem Tod vergessen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er dank des Engagements des französischen Kunsthistorikers Théophile Thoré-Bürger als Künstlerpersönlichkeit wiederentdeckt. Thoré-Bürger war es auch, der dem damals noch geheimnisumwitterten Maler den Beinamen „Sphinx von Delft“ verlieh.
Johannes Vermeer wurde 1632 als Kind eines Seidenwirkers, Gastwirts und Kunsthändlers in Delft geboren. Nach seiner Ausbildung zum Maler heiratete er 1653 die wohlhabende Catharina Bolnes und konvertierte zum Katholizismus. Im gleichen Jahr wurde er als Meister in die St. Lukas-Gilde aufgenommen. 1660 zog die Familie in das Haus seiner Schwiegermutter, wo Vermeer bis zu seinem Lebensende wohnte und arbeitete. Wichtige Ämter in der Lukas-Gilde, seine Arbeit als Kunstsachverständiger sowie hohe Gemäldepreise zeugen von der großen Wertschätzung, die ihm und seinen Werken zu Lebzeiten entgegengebracht wurde. Mit nur 43 Jahren starb Vermeer und hinterließ eine Witwe und elf Kinder.
Sehen wir hier ein Selbstbildnis von Johannes Vermeer? Unter Kunstwissenschaftlern wird diese Idee kontrovers diskutiert.
Zu Beginn seiner Karriere malte Vermeer Bilder mit mythologischen und christlichen Themen. Historienbilder galten als anspruchsvoll, genossen das höchste Ansehen und versprachen dem jungen Künstler die beste Aussicht auf ein gesichertes Einkommen.
Die Szene mit der Jagdgöttin Diana wird in den Metamorphosen des Ovid beschrieben: Beim Baden entdecken ihre Gefährtinnen die Schwangerschaft der Nymphe Callisto, die daraufhin verstoßen wird. Künstler nutzten diese Szene, um weibliche Akte und dramatische Gesten darzustellen. Vermeers Figuren jedoch sind bekleidet und verströmen meditative Ruhe; Callisto selbst steht im dunklen Hintergrund.
Johannes Vermeer, Diana und ihre Gefährtinnen beim Bade, um 1653/54
Das farbig kraftvolle, großfigurige Frühwerk Vermeers greift das populäre Thema der Fröhlichen Gesellschaft auf: Eine illustre Gruppe mit einem Freier in roter Jacke, der gerade eine junge Prostituierte bezahlt, drängt sich hinter der teppichverhangenen Balustrade. Mit dem einladenden Trinker im Renaissancekostüm, der schwarzverhüllten Kupplerin und dem Paar greift Vermeer auf Figurentypen aus Gemälden der sog. Utrechter Caravaggisten zurück, holländischen Malern, die in Italien die Werke Caravaggios studiert hatten.
Mit stillen, poetischen Innenraumszenen hatte Vermeer Ende der 1650er Jahre sein Thema gefunden. Die junge Frau im Profil ist in das Lesen eines Briefes versunken. Ihre Garderobe, ihre Bildung und die feine Zurückhaltung ihrer Erscheinung entsprechen dem Frauenideal seiner Zeit. Der kleine Liebesgott im Bild an der Zimmerwand kommentiert die Szene: Liebe liegt in der Luft.
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Vermeer wird seine künstlerische Ausbildung um 1646-1653 erhalten haben. Es sind weder der Name eines Lehrers noch der Ort seiner Ausbildung überliefert. Fest steht, dass er sich zu Beginn seiner Karriere offenbar selbstständig an verschiedenen Genres und Stilen schulte. Der Kunsthandel und die Beziehungen seines Vaters werden ihm dazu vielfältige Möglichkeiten eröffnet haben.
"So ist der Phönix [Carel Fabritius], uns zum Verlust, nun tot Inmitten, ja auf der Höhe seiner Schaffenskraft Doch uns zum Glück stieg aus seines Feuers Glut Vermeer, der meisterlich in seine Pfade trat."
Dirck van Bleyswijck
Johannes Vermeers Gesamtwerk ist klein, nur etwa 35 Gemälde sind erhalten. Innerhalb kürzester Zeit wechselte der junge Künstler von Historiengemälden zur klassisch-eleganten Genremalerei. Mit seinen gehobenen Alltagsszenen orientierte er sich am Geschmack des aufstrebenden holländischen Bürgertums. Seine Bildthemen und Formate änderten sich.
Ende der 1650er Jahre hat Vermeer seine perspektivischen Innenraumszenen mit mehreren Figuren weiterentwickelt. In einer Zimmerecke unterhält sich eine kleine, elegante Tischgesellschaft beim Weintrinken. Der ältere Galan scheint die aufrecht sitzende junge Frau in guten Umgangsformen zu unterrichten. Der Mann hinter dem Tisch wirkt distanziert und träge – eine Verkörperung des Lasters der Faulheit? Die allegorische Figur der Enthaltsamkeit in der Fensterscheibe und das strenge Herrenporträt an der Wand bilden ein inhaltliches Gegengewicht zur sinnlichen Szene.
Johannes Vermeer, Das Mädchen mit dem Weinglas, um 1658/59
Die Kleine Straße ist eine von zwei erhaltenen Stadtansichten Vermeers. Das Renaissancehaus mit seiner getreppten Backsteinfassade und der angrenzende Durchgang sind von Frauen und Kindern bei alltäglichen Beschäftigungen belebt. Vermeers Malstil wechselt zwischen erstaunlicher Detailtreue und fast impressionistisch anmutenden Partien, zwischen exakter Schilderung des Beobachteten und bildwichtigen Erfindungen. Vielleicht malte Vermeer hier das Haus seiner Tante, die Identifikation des Ortes ist jedoch umstritten.
Johannes Vermeer, Häuseransicht in Delft (Die kleine Straße), um 1658
Der Betrachter ist der jungen Frau ganz nahegerückt. Die illusionistische Darstellung der Lesenden geht über die Wirklichkeitsnähe früherer Interieurszenen Vermeers hinausgeht. Ein starker Lichteinfall von links legt weiche Lichthöfe an die Konturen und hinterlässt farbige Schatten auf der Wand. Eine Landkarte mit der Ansicht von Holland und Westfriesland hinterfängt die junge Frau – eine Anspielung auf einen auswärtigen Briefabsender?
Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672
Die elegante Musikerin wendet sich mit offenem Ausdruck ihrem Gegenüber zu. Das Bild des Liebesgottes hinter ihr spricht eine deutliche Sprache: Die Harmonie der Musik möge in einen Gleichklang der Herzen übergehen. Sie steht genau in der Mitte eines lichtdurchfluteten Raumes, dessen Einrichtungsstücke in ihrer klaren geometrischen Form auf sie bezogen sind. Die Idealisierung ihrer Gestalt und die Neigung zu abstrakten Formen entsprechen einer allgemeinen Stilentwicklung in den 1670er Jahren.
Licht, Raum und Struktur
Vermeers Maltechnik
Das Brieflesende Mädchen am offenen Fenster (1657-59) von Johannes Vermeer im Detail
Vermeers Malweise entsprach der zu seiner Zeit gängigen Praxis. Seine Palette – die etwa 20 vom Künstler verwendeten Farben – unterschied sich nicht von der seiner Zeitgenossen. Neben farbigen Erden setzte der Künstler aus Mineralien hergestellte Farben ein. Häufig verwendete er das teuerste dieser Pigmente, das aus Lapislazuli gewonnene Ultramarin. Die besondere Leuchtkraft einzelner Bildpartien erzielte er durch den Einsatz von Bleiweiß und Bleizinngelb.
Vermeer setzte Farbe innovativ und sehr variabel ein: Aus Untermalungen und Lasuren bestehende Farbschichten erzeugen optische und strukturelle Effekte, die Wirklichkeit vortäuschen. Durch einen pastosen Farbauftrag erlangen die dargestellten Dinge eine beinahe greifbare Qualität. Der Teppich in der Dresdner Briefleserin mit seinen hellen Lichtpunkten zeigt das eindrucksvoll, besonders im Vergleich mit einem Bilddetail von Gerard ter Borch.
(1) Johannes Vermeer, Junge Dame am Virginal stehend, um 1670-1672;
Vermeers Malerei ist konzentriert auf das Zusammenspiel von Licht und Farbe. Im Vergleich mit einem Werk Caspar Netschers wird der Unterschied deutlich: Vermeer erfasste Lichteffekte so, wie das Auge sie aufnimmt – nicht als bereits verarbeitetes Gesamtbild. Im Laufe seines Schaffens wird der Farbauftrag in seinen Werken glatter und feiner. Im Spätwerk definierte Vermeer Oberflächen durch abstrakte Formen und eine dekorative Pinselschrift, seine Maltechnik vereinfacht sich.
"Ich machte mich auf den Weg, um den gefeierten Maler namens Vermeer zu besuchen, der mir einige Beispiele seines Könnens zeigte, deren außergewöhnlichster und bemerkenswertester Aspekt die Perspektive ist."
Pieter Teding van Berckhout
Vermeer und die Perspektive
Vermeers Werke zeugen von seiner Kenntnis der Gesetze der Zentralperspektive. Es wird vermutet, dass Vermeer die räumliche Anlage seiner Gemälde mittels einer einfachen mechanischen Methode direkt auf der Leinwand festlegte: Im Fluchtpunkt der Komposition fixierte man einen Nagel, von dem aus mit Hilfe eines gespannten Stricks die korrekten Fluchtlinien ermittelt wurden. Nicht alle seiner Gemälde folgen jedoch einer exakten Perspektive. Vielfach setzte Vermeer offenbar die Beobachtung der Wirklichkeit an die Stelle der mathematischen Konstruktion.
Restaurierung eines Meisterwerks
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Die am Anfang der Restaurierung stehende Firnisabnahme und eine anschließende Entnahme von Farbproben erbrachten ein erstaunliches Ergebnis: Zwischen der originalen Farbschicht des Cupidos und der Übermalungsfarbe lag eine zweifache Firnis- und Schmutzschicht. Die Übermalung konnte also erst längere Zeit nach der Fertigstellung des Gemäldes aufgetragen worden sein.
Eine Expertenkommission entschied 2017, diese Übermalung zugunsten des Originals von Vermeer abzunehmen. Daraufhin wurde sie Millimeter für Millimeter mit einem Skalpell unter dem Mikroskop entfernt. Zum Vorschein kam das ausgezeichnet erhaltene und bereits gealterte Bild eines nackten, blonden Knaben mit einem Bogen in der Hand.
Kurzfilm zur Restaurierung des Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster (1657-59) von Johannes Vermeer
Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Video: Jürgen Lange
Der Cupido wird übermalt
Warum hat man ein solch großes Bildelement unsichtbar gemacht? Zum Zeitpunkt der Übermalung war das Cupido-Bild offenbar in gutem Zustand. Es wurde wohl aus ästhetischen Gründen aus dem Gemälde getilgt. Im Jahr 1742, bei der Erwerbung für den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. wird das bildwichtige Detail schon nicht mehr erwähnt. Die Spur führt nach Paris, wo das Brieflesende Mädchen zusammen mit anderen Gemälden vor der Reise nach Dresden in den Händen eines Restaurators war.
Vermeer experimentiert
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59, (1) nach der Restaurierung, (2) Röntgenbild vor der Restaurierung
Die Infrarotreflektografie zeigt auf dem Tisch links vom Vorhang die Umrisse eines Löwenkopfes, wie er den Spanischen Stuhl in der Zimmerecke schmückt. Man erkennt auch die ursprünglichen Umrisse der gedrehten Mädchenfigur.
Lernen von den Kollegen
Vermeers Entscheidung für den Vorhang zeigt sein Interesse an der Delfter Architekturmalerei. Besonders die Kircheninterieur-Darstellungen von Gerard Houckgeest und Hendrick van Vliet mit ihren augentäuschend gemalten, vorgeblendeten Rahmen mit grünem Vorhang beeindruckten ihn. Vermeer übernahm dieses illusionistische Motiv. Die Unterscheidung zwischen Bild- und Betrachterraum fällt in seinem Gemälde allerdings schwer.
Anregungen für die stehende Einzelfigur empfing Vermeer u.a. von den frühen Genrebildern des Leidener Malers Frans van Mieris. Dessen grazile, elegante Frauenfiguren, z.B. in der Dame am Cembalo, zeigen eine Verwandtschaft zu Vermeers etwa zeitgleich entstandener Gestalt der Dresdner Briefleserin.
Wie jenes Gemälde aussah, das Vermeer für das Bild im Bild mit dem Liebesgott als Vorbild diente, ist bis heute nicht geklärt. Wahrscheinlich hatte er das Werk eines klassizistischen Malers vor Augen. Es könnte Ceasar van Everdingens Amor mit der Glaskugel ähnlich gewesen sein.
Genreszenen mit einer einzelnen Frauenfigur machen einen wichtigen Teil von Vermeers Œuvre aus. Sie bestechen durch die Ausgewogenheit ihrer Kompositionen, die raffinierte Lichtführung und die Brillanz der Farben. Die Frauen sind mit alltäglichen Dingen beschäftigt. Doch ihre innere Ruhe und Seelenkraft verleihen ihrer Darstellung etwas Symbolisches und Existenzielles. Darin unterscheidet sich Vermeers Genremalerei von den erzählerischen Schilderungen seiner Zeitgenossen.
Das kürzlich freigelegte Hintergrundbild in Vermeers Brieflesendem Mädchen am offenen Fenster hat den symbolischen Gehalt des Gemäldes wieder ans Licht gebracht. Das Motiv des Liebesgottes, der in eine Maske tritt, geht zurück auf einen Kupferstich in einem Emblembuch. Dessen Botschaft „Wahre Liebe überwindet Täuschung und Betrug" haben Vermeers Zeitgenossen mit der ganz ins Lesen vertieften jungen Frau verknüpft.
Beim Anlegen ihrer Perlenkette fällt der Blick der jungen Frau in den Spiegel – und scheint dort einen Augenblick zu verweilen. Vermeer hat diesem Moment in seinem Gemälde Dauer verliehen. Ihre aufrechte Gestalt in einer Garderobe aus fein abgestimmten Gelb-, Braun- und Weißtönen hebt sich vom lichten Grau der leeren Wand ab. Vermeer wählte ein modernes Thema, zu dem er durch andere Künstler angeregt wurde, die er in der psychologischen Klarheit und Tiefe seiner Schilderung weit übertrifft.
Umflossen von gedämpftem Licht steht eine Frau an einem Tisch, auf dem Perlenschmuck und Goldmünzen ausgebreitet sind. Konzentriert und gelassen zugleich scheint sie das Gleichgewicht der leeren Waage zu prüfen, die sie in ihrer Rechten hält. Als Bild im Bild an der Rückwand adaptierte Vermeer wahrscheinlich eine ältere flämische Darstellung des Jüngsten Gerichts. Es ist ein Abwägen zwischen weltlichen, vergänglichen Reichtümern und inneren, spirituellen Werten, das in der in sich ruhenden Gestalt seinen Ausdruck findet.
Religion in den Niederlanden
Die Situation der Religionen in den Vereinigten Niederlanden war das Resultat politischer und religiöser Konflikte, die auf das 16. Jahrhundert zurückgehen. Der Kampf der protestantischen nördlichen Provinzen gegen die Macht der katholischen Habsburger im Süden führte zu einer territorialen und religiösen Spaltung. In deren Folge entwickelte sich in den Vereinigten Provinzen im Norden eine europaweit einzigartige religiöse Toleranz. Unterschiedliche protestantische Gruppen und Glaubensgemeinschaften existierten nebeneinander. Aus ganz Europa wanderten verfolgte Protestanten, Juden und Hugenotten in die Nördlichen Niederlande ein. Neben der vorherrschenden reformierten Kirche der Calvinisten existierten Mennoniten und Wiedertäufer. Mitglieder der katholischen Kirche, die auch im Norden weiterbestand, wurden dagegen in ihrer Glaubensausübung stark eingeschränkt, öffentliche Gottesdienste waren verboten.
Ende des 16. Jahrhunderts begann der beispiellos Aufstieg der nördlichen Provinzen der Niederlande zur führenden Wirtschaftsmacht. Die Hafen- und Speicherstadt Amsterdam entwickelte sich zum bedeutendsten Handelszentrum Europas. Die Gründung der Vereinigten Ostindischen und der Westindischen Kompanie beförderten zu Beginn des 17. Jahrhunderts den niederländischen Seehandel. Holländische Handelsschiffe, die Waren aus vier Kontinenten in die Niederlande brachten, beherrschten die Weltmeere. Neben einer großen Warenbörse betrieb Amsterdam eine Wechselbank, die den internationalen Zahlungsverkehr regelte. Ein solides Steuer- und Finanzsystem machte die Vereinigten Provinzen und ihre Unternehmen weltweit zu begehrten Geschäftspartnern. Der weit überdurchschnittliche Wohlstand breiter Schichten der holländischen Bevölkerung trug zum Aufblühen von Wissenschaft und Kunst im so genannten Goldenen Zeitalter bei.
Wallerant Vaillant, Ein Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern, 1658
Öl auf Papier, auf Leinwand gezogen, 51,5 x 40,5 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Gal.-Nr. 1232, Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel und Hans-Peter Klut
Briefe verbinden
Das Schreiben und Austauschen von Briefen bedeutete für die Niederländer im 17. Jahrhundert die Öffnung zur Welt. Für eine Handelsnation, deren männliche Bewohner teils oft jahrelang auf Reisen waren, gehörte der Briefverkehr zu den Voraussetzungen einer florierenden Wirtschaft und eines funktionierenden Gemeinwesens. Das Verfassen von Briefen wurde zu einer weitverbreiteten Mode. Gern nutzte man dafür gedruckte Anleitungen, die Beispielbriefe für die unterschiedlichsten Anlässe bereithielten.
Gabriel Metsu, Briefschreibender Mann, um 1664-1666
Ein junger Gentleman sitzt in eleganter Pose am Tisch und verfasst einen Brief. In seinem reich ausgestatteten Raum ist er von Attributen der Ferne umgeben: ein persischer Teppich liegt auf dem Tisch, ein Globus scheint durch die Fensterscheiben, das Bild an der Wand zeigt eine italienisch anmutende Landschaft. Beim Schreiben scheint er ganz auf die abwesende Empfängerin seiner Zeilen konzentriert zu sein.
An den Wänden der zahlreichen Interieurszenen finden sich Bilder aller Art. Sie gehörten im 17. Jahrhundert zur selbstverständlichen Ausstattung holländischer Haushalte der Mittel-und Oberschicht. Der Grund für ihre Anwesenheit liegt oft neben dem rein dekorativen Zweck in einer kalkulierten, damals allgemein verständlichen Bildsprache: Das Bild im Bild wird der Hauptszene des Gemäldes als Kommentar hinzufügt und beeinflusst die Rezeption des Gesamtwerks. Auch Johannes Vermeer bediente sich dieses künstlerischen Mittels.
Vermeer verweist in vier seiner Werke direkt auf das Thema der Liebe, indem er den Liebesgott als Bild im Bild in die Kompositionen einfügte. Das Motiv war aus einem populären Emblembuch von Otto van Veen allgemein bekannt. Wie im Gemälde Brieflesende Mädchen am offenen Fenster tritt Cupido auch im Emblem Inconcussa Fide auf die am Boden liegende Maske: Wahre Liebe verlangt Aufrichtigkeit, nur sie überwindet Heuchelei und Täuschung.
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-59
Für einen Moment ist die Aufmerksamkeit der jungen Frau vom gemeinsamen Musizieren abgelenkt; ihr Blick ist direkt auf uns gerichtet. Das Bild eines Liebesgottes an der Wand im Hintergrund zeigt, dass das Anliegen des Herrn neben ihr über das Musizieren hinausgeht: Das musikalische Harmonieren steht sinnbildlich für die erhoffte Vereinigung der Seelen.
Johannes Vermeer, Die unterbrochene Musikstunde, um 1658/59
Als wichtige Hilfsmittel für die Deutung verborgener Inhalte in Bildern der niederländischen Genremalerei dienten zeitgenössische literarische Schriften und Druckgrafiken. In Emblembüchern, einer literarischen Sonderform, wurden Bilder und Texte, meist nach Themen geordnet, zusammengeführt. Sie waren in der Regel dreiteilig und bestanden aus einem Motto, das über einem Bild stand und das Thema vorgab, sowie dem Epigramm, einer meist in Versform abgefassten Erklärung zu Bild und Motto. Die Kenntnis der Emblemliteratur war für das Entschlüsseln verborgener Bildinhalte von zentraler Bedeutung. Die zur Zeit Vermeers bekanntesten und beliebtesten Emblembücher stammten von Otto van Veen (Amorum emblemata, 1608), Daniel Heinsius (Ambacht van Cupido, 1615) und Jacob Cats (Sinne – en minnebeelden, 1627).
Gabriel Metsu, Das Geschenk des Jägers, um 1658–1661
Das Angebot des Jägers, der einer sitzenden Jungen Dame ein totes Rebhuhn reicht, hat einen anrüchigen Beigeschmack. Die Szene wurde von Metsus Zeitgenossen unschwer als Einladung zum Sex erkannt, stand doch der niederländische Begriff vogelen (vögeln) für den Beischlaf, einen Liebhaber nannte man vogelaar (Vogelfänger). Das geladene Gewehr am Boden verstärkt diese Lesart, während die kleine Amorfigur auf dem Schrank den Geist der Liebe beschwört. Die Frau bleibt jedoch vage: während sie den Vogel mit Interesse betrachtet, greift ihre Hand zum Gebetbuch.