Das lächelnde Gastgeschenk 09. September 2022

Das Wasserpuppentheater (Múa Rối Nước) ist eine jahrhundertealte Theaterform,1 die tatsächlich nur in Vietnam (mit einem Schwerpunkt in der Hauptstadt Hanoi) vorkommt und gepflegt wird. Es ist nicht klar, wo seine Ursprünge liegen – eventuell in China, aber dort ist es längst wieder verschwunden. Gespielt wurde früher in Dorfteichen, etwa zu Frühlings- oder Erntefesten. Heute finden die Vorstellungen in Wasserbecken statt, die unter freiem Himmel oder in Theatersälen fest installiert sind. An der Rückseite des Beckens befindet sich stets ein palast- oder pagodenähnlicher Aufbau, vor dessen Portal Bambusmatten hängen. Hinter diesen agieren die Spieler*innen, während sie das Becken im Blick haben, ohne selber vom Publikum gesehen zu werden. Sie stehen bis zur Hüfte im Wasser und führen die Figuren an langen Stäben, die ebenso wie die Schwimmer, auf die die Puppen montiert sind, knapp unter der Wasseroberfläche verborgen bleiben. Über Schnüre werden von hinten zusätzlich die Binnenbewegungen der Puppen (Köpfe, Arme, Bedienung von Werkzeugen und Instrumenten etc.) gesteuert. Gespielt wird – auch wenn jede Truppe ihre eigenen Akzente setzt – überwiegend ein standardisiertes Repertoire von kurzen Episoden: Alltagsszenen aus der Landwirtschaft, Legenden oder Fabelhaftes. Begleitet wird die Aufführung von Gesang und Musik eines kleinen Orchesters, das neben dem Becken platziert ist.

Wasserpuppentheater im Großen garten. Die Bühne besteht aus einem großen Wasserbassin, über dem die Puppen bewegt werden, den Hintergrund des Bühnenbilds bildet ein Haus mit Pagodendach.

Das Figurenset, das nun eine neue Heimat in Dresden findet, konnte durch den MUSEIS SAXONICIS USUI Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden e. V. aus Privatbesitz für die Puppentheatersammlung angekauft werden. Für die Sammlung bedeutet dies den bislang größten Zuwachs im Bereich des außereuropäischen Puppentheaters in ihrer fast 70-jährigen Geschichte. Gleichzeitig stellt es auch eine Besonderheit dar, dass ein so umfangreiches Wasserpuppenensemble außerhalb Vietnams aufbewahrt wird.2 Bei aller Freude über die Neuerwerbung bleibt ein kleiner Wermutstropfen: Das Konvolut ist mit etwa 140 menschlichen Figuren, Tieren (Abb. 3–5), Booten etc. zwar groß, aber nicht ganz vollständig – und am meisten fehlt der, der eigentlich in keiner typischen Wasserpuppenvorstellung fehlen darf: Teu.

Portraitansicht des Chu Teu der Puppentheatersammlung

Teu – manchmal auch »chú tễu« (»Onkel Teu«) genannt – ist der Spaßmacher, Ansager, Moderator, mitunter auch der Pausenclown des vietnamesischen Wasserpuppentheaters. Aus dem Becken heraus bildet er die »Brücke« zum Publikum. Einerseits ist er einer von den »einfachen Leuten« und kann sich über »die da oben« lustig machen. Andererseits entstammt er himmlischen Sphären und schaut mit vernünftigem Blick auf die irdischen Absurditäten. Auch wenn sich die Funktionen nicht vollständig decken, kann Teu der Stellenwert des Kaspers oder anderer lustiger Figuren des europäischen Puppentheaters zugeschrieben werden, die jeweils ikonisch für eine bestimmte Theaterform stehen, dem Publikum vertraut und entsprechend beliebt sind. Sein Fehlen ist insofern höchst bedauerlich und eigentlich nur aus einem Grund zu verschmerzen: Teu ist schon da! Die Geschichte, wie ein Teu in die Dresdener Sammlung kam, beginnt vor knapp 50 Jahren in Berlin-Ost: Inge Borde-Klein (1917–2006), oberste Amateurpuppenspielerin der DDR3 und renommierte Puppentheaterautorin, unternimmt Ende November 1975 eine dreiwöchige Studienreise nach Nordvietnam. Dort erfüllt sich ihr Wunsch, einer Vorstellung des Wasserpuppentheaters beizuwohnen, das in Europa unter Expert*innen zwar theoretisch bekannt ist, aber bisher von kaum jemanden wirklich gesehen wurde.4 In einem siebenseitigen Reisebericht für die »Mitteilungen« der Puppentheatersammlung beschreibt Inge Borde-Klein, wie sie am 1. Dezember 1975 in Hanoi bei der »Zentralen Puppenspielgruppe« zu Gast ist.5 Nach einem Empfang mit Feuerwerk und einem Vortrag über die vietnamesische Puppenspielkunst erlebt sie zunächst Ausschnitte aus einer Marionetten- und aus einer Stabpuppen-Inszenierung. Danach steht, als Höhepunkt ihres Besuchs, die »Schau der Wassermarionetten« auf dem Programm.

Sie beginnt mit der traditionellen Fahnen-Nummer, nur dass diesmal »dem Gast zu Ehren die DDR-Fahne« gehisst wird. Schon die zweite Nummer ist der Auftritt des Teus: »In den Beifall hinein rauschte der Ansager nach vorn, drehte den Kopf nach links und rechts, hob die Arme und – lächelte. Das Wortgeprassel, das seinen Auftritt begleitete, konnte ich leider nicht verstehen, aber die Fröhlichkeit, die er verbreitete, teilte sich uns allen mit. CHU TEU drehte seine Runde und zog sich zurück. Ein Nummernprogramm folgte.«6 Inge Borde-Klein ist fasziniert von dieser Theaterform und ganz besonders hat es ihr der lächelnde Protagonist angetan. Umso erfreuter ist sie über die Überraschung, die ihre Gastgeber zum Abschluss ihrer Reise organisiert haben: »Der Abschiedsempfang in der DDR-Botschaft brachte noch einmal eine kleine Sensation: der Leiter der Zentralen Puppenspielgruppe hatte schon angekündigt, daß ein Geschenk für mich vorbereitet würde. Feierlich wie eine Denkmalsenthüllung öffnete er das für den Transport bestimmte Holzgehäuse und vor rotem Samt präsentierte sich […] der lächelnde CHU TEU.«7

Der Teu in Gänze mit dunkelrotem Schurz bekleidet.

Dieses Gastgeschenk ist ein außerordentlich ausdrucksstarkes Exemplar, das einige Besonderheiten aufweist: Während andere Teus häufig eine lange Weste tragen, ist dieser nur mit einem roten Lendenschurz bekleidet, über dem sich sein charakteristischer Bauch wölbt. Die ebenso typischen Haarbüschel, die oft wie zwei kleine Bürsten rechts und links vom Kopf abstehen, sind hier zu Wülsten stilisiert und liegen dicht am türkis bemalten Skalp. Der ungewöhnlich kleine Kopf8 der Figur ist ebenso beweglich wie die Arme, die Mechanik dazu ist jedoch nicht vorhanden. Wie viele andere Puppen steht Teu in der Aufführung mit den Füßen im Wasser, die deswegen nicht plastisch ausgebildet sind. Die Beine münden stattdessen in einen schwarzen Sockel, der das Skulpturenhafte der Figur betont, rein praktisch aber den Schwimmer der Figur darstellt. Das Markanteste an diesem Teu ist jedoch sein feines Lächeln, das einen eher hintergründigen Humor vermuten lässt. Insgesamt wirkt die Figur verhältnismäßig klein und filigran. Inge Borde-Klein bezeichnet sie selber als »Nachbildung«9 und berichtet, sie sei »in viertägiger Schnitzarbeit entstanden«.10 Aufgrund von an den Schadstellen erkennbaren Farbschichten, der vorhandenen Schlitze und der »stillgelegten« Mechanik an der Rückseite der Figur ist allerdings zu vermuten, dass es sich um eine gespielte Figur handelt, die für den Gast aus dem Ausland aufgearbeitet und mit einer Plakette versehen wurde.

Das großzügige Geschenk ist natürlich nicht für die Besucherin privat gedacht, sondern für die DDR, repräsentiert durch die Puppentheatersammlung der SKD. Mit Rolf Mäser (1925–2007), dem Leiter der Sammlung von 1960 bis 1991, ist Inge Borde-Klein befreundet und nach ihrer Rückkehr korrespondieren beide über eine gute (und öffentlichkeitswirksame) Gelegenheit, das Gastgeschenk der Sammlung zu übergeben. Diese ergibt sich Anfang 1977: Die Puppentheatersammlung bereitet anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens ihre bis dahin größte Ausstellung vor. Unter dem Titel »Puppentheater gestern und heute« soll im Klingersaal des Albertinums ein großer Querschnitt durch die Bestände gezeigt werden. Auch eine Abteilung für außereuropäische Puppentheatertraditionen ist vorgesehen. Neben Belegexemplaren für ägyptische, indonesische und indische Theaterformen soll Teu das seltene vietnamesische Wasserpuppentheater vertreten. Inge Borde-Klein plant also, bei der Ausstellungseröffnung in Dresden dabei zu sein und den Teu der Sammlung als Geschenk zu überreichen. Ob es tatsächlich zu dieser öffentlichkeitswirksamen Übergabe kam, ist aus der erhaltenen Korrespondenz nicht belegbar. Es sind auch keine Fotos vorhanden, aus denen hervorginge, wie die Figur in der Ausstellung inszeniert wurde. Die Liste der Exponate führt sie allerdings auf und Rolf Mäser weist immer wieder – zum Beispiel in einem Artikel in der Sächsischen Zeitung11 – darauf hin, was für ein besonderes Objekt hier gezeigt werden kann. Wir können also davon ausgehen, dass zwischen dem 11. Februar und dem 24. April 1977 über 110 000 Besucher*innen den Teu im Albertinum gesehen haben. 1990 wurde der Dresdener Teu noch einmal – auf Initiative von Inge Borde-Klein – für eine Ausstellung mit dem Titel »Vietnamesische Kultur des Alltags« nach Berlin ausgeliehen, danach war seine Karriere als Star-Exponat erst einmal beendet. Ein wenig Gesellschaft bekam er, als der Freundeskreis der Puppentheatersammlung 2012 vier Wassermarionetten aus einer Privatsammlung ankaufte. Diese Bestände haben sich durch den jüngsten Ankauf vervielfacht. Und auch wenn die elegante und gut erhaltene Einzelfigur sich nicht so ganz in die Schar der wesentlich gröber geschnitzten und vom Gebrauch gezeichneten »Kolleg*innen« einfügt: Sie ist nun endlich wieder Teil eines Ensembles – und im Ensemble ist die vakante Stelle des komischen Protagonisten nun endlich wieder besetzt.

Dieser Text ist zuerst in den Dresdener Kunstblättern im Heft 3/2020 "romantisch revolutionär" erschienen.

* Lars Rebehn, Konservator der Puppentheatersammlung, sei für die Mitarbeit an diesem Artikel herzlich gedankt.

1 Eine erste Erwähnung findet sich auf einer Stele aus dem 12. Jahrhundert; vgl. bspw. Trần Văn Khê, Marionnettes sur eau du Vietnam, Paris 1984, S. 39.
2 Über ein vollständiges Set verfügt das Museum für Völkerkunde Wien; vgl. Christian Schicklgruber, Ritus zur Freude der Ahnen. Das Wasserpuppentheater in Vietnam im Allgemeinen, aber auch im Dorf Ra im Besonderen, in: Archiv für Völkerkunde 59/60 (2009), S. 59–94.
3 Die gelernte Geigerin und Musikpädagogin Borde-Klein begann 1947 mit dem Puppenspiel und war von 1958 bis 1968 Vorsitzende der Zentralen Arbeitsgemeinschaft Laienpuppentheater.
4 Borde-Klein selbst kennt es aus einer Reisereportage von Kurt und Jeanne Stern. Das erste Europa-Gastspiel fand 1984 in Frankreich statt. 5 Inge Borde, Das Lächeln des CHU TEU, in: Mitteilungen. Staatliche Puppentheatersammlung Dresden 19 (1976), Nr. 1/2, S. 33–39.
6 Ebd., S. 35. 
7 Ebd., S. 39.
8 Viele andere Teus haben einen im Vergleich zum Körper eher großen Kopf und wirken viel karikaturistischer.
9 Grußkarte von Inge Borde-Klein an Rolf Mäser, 21.12.1975; vgl. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Puppentheatersammlung, Archiv, Akte Inge Borde- Klein.
10 Inge Borde-Klein an Rolf Mäser, 10.2.1977; vgl. ebd.
11 Rolf Mäser, Spaßmacher Chu Teu, eine vietnamesische Wassermarionette, in: Sächsische Zeitung vom 16.3.1977.

Auch interessant:

Die globale DDR - Eine transkulturelle Kunstgeschichte (1949-1990)

Mit dem Projekt „Kontrapunkte“ unternehmen die SKD einen Blick auf die internationale Geschichte des DDR-Kulturbetriebs. Dabei geht es um die eigene Sammlungsgeschichte, um Austausch und Vernetzung, vor allem aber um eine Korrektur des Narrativs, das diese Geschichte als die eines provinziellen Betriebs erzählt, der isoliert und jenseits der Moderne stattfindet. Die Professur für Bildwissenschaft im globalen Kontext von der TU Dresden hat im Juni mit dem Albertinum und der Kustodie der TU eine Tagung zu den Beziehungen des DDR-Kulturbetriebs in den globalen Süden veranstaltet.

08. September 2022 Mehr

It is what it is

Was passiert, wenn man dem Museumspublikum einen Stapel Stifte, ein paar Blätter Papier und einen ganzen mit weißen Papieren ausgekleideten Raum zur Verfügung stellt? Der Dresdner Künstler Artourette hat das im Zuge der Kinderbiennale im Japanischen Palais getan.

07. Juni 2022 — Lesen / Artikel Mehr

Spoon Archaeology trifft Lunch for Locals

Die Ausstellung Spoon Archaeology, die aktuell im Kunstgewerbemuseum besucht werden kann, ist eine Reaktion auf das EU-Verbot von Einwegbesteck zum Juli 2021. Aber was kommt nach dem Plastiklöffel? Diese Frage stellte sich auch den Designern Peter Eckart und Kai Linke, deren Bestecksammlungen den Kern der Ausstellung bilden. Nachhaltig muss es sein und funktionieren sollte es natürlich auch. Die Antwort, die sie finden, ist weit weniger futuristisch, als man es vielleicht vermuten mag. Es ist: die Hand. Gemeinsam mit dem Palais Café haben wir ihren Einsatz erprobt.

31. Mai 2022 — Lesen / Artikel Mehr