Ein Meisterwerk scheint wieder auf 18. Januar 2022 — Dauer 7 Minuten

Vom 25. bis 27. August 1791 fand nach vielen Jahren der Konfrontation und erbitterter Kriege die Pillnitzer Konferenz und damit eine zaghafte Annäherung Österreichs und Preußens statt. Ein gemeinsames Treffen zur Klärung der bilateralen Verhältnisse und zur Haltung zum Staatsstreich in Polen und der Revolution in Frankreich sollte den Prozess der Versöhnung fördern. Auf der Suche nach einem möglichst neutralen und ungezwungenen Ort fiel die Wahl Kaiser Leopolds II. auf Schloss Pillnitz. Der sächsische Kurfürst Friedrich August III. gab für ein so prestigeträchtiges und für die politische Lage in Europa bedeutendes Treffen gern den Gastgeber, nahm aber an den Gesprächen selbst nicht teil.

Die Zusammenkunft zweier der wichtigsten europäischen Herrscher erschien einer weiteren Partei als günstige Gelegenheit: Eine Gruppe französischer Emigranten, angeführt vom Graf von Artois, Bruder des inhaftierten französischen Königs Ludwig XVI, hatten sich zum Unmut aller Konferenz-Parteien selbst auf die Konferenz eingeladen. Sie hofften Kaiser und König zu einem aktiven Eingreifen in Frankreich zu bewegen, was letztendlich in der Wiederherstellung der Monarchie münden sollte. Während die Pillnitzer Konferenz mit einer völlig anderen Agenda gestartet war, ist es jedoch die nach einer gemeinsamen Absprache zwischen Leopold II., Friedrich Wilhelm II. und dem Grafen von Artois am 27.8.1791 verfasste Pillnitzer Deklaration, die in die Geschichte einging. Von Leopold II. und Friedrich Wilhelm II. als kleinstmögliches Zugeständnis mit sehr zurückhaltenden Formulierungen unterzeichnet, wurde sie von den Emigranten bewusst als eine Vorstufe zur Kriegserklärung stilisiert und wird vielfach heute noch als solche gedeutet.

Johann Heinrich Schmidt, Die Monarchenzusammenkunft in Pillnitz am 25. August 1791

Als sich im Mai 1791 abzeichnete, dass Pillnitz zum Tagungsort für Kaiser Leopold II. und den preußischen König Friedrich Wilhelm II. werden würde, wurde die Einrichtung der neuen Seitenflügel unter Hochdruck abgeschlossen. Außerdem wurde für die hohen Gäste noch zusätzliches Mobiliar – wie beispielsweise ein repräsentatives Staatsbett nach Pillnitz gebracht – und danach wieder schnell nach Dresden zurückgeschickt.

Beide Herrscher wurden jeweils in einem Flügeltrakt des Bergpalais untergebracht. König Friedrich Wilhelm II. bewohnte das Hochparterre des Ost-Flügels, während Leopold II. das entsprechende Appartement im Westflügel zugewiesen wurde. Ihm wurden somit die prächtigsten Räume des Schlosses angeboten. Der Westflügel unterscheidet sich in der Grundrissstruktur des Parterres von den drei anderen Flügelbauten: Die Raumverteilung ist großzügiger und nach Süden ausgerichtet. Es ist zu vermuten, dass ihm ursprünglich eine andere Funktion – vielleicht als Gesellschafträume für den Hof – zugedacht war und die Zimmer deshalb auch so prächtige Vertäfelungen erhalten hatten, die heute zu den äußerst raren und künstlerisch sehr wertvollen Zeugnissen des Frühklassizismus in Sachsen zählen. So kurz der Aufenthalt Kaiser Leopolds in Pillnitz auch war, mit seinem Besuch bleiben die Räume – zumindest dem Namen nach durch alle Inventare bis weit in das 20. Jahrhundert verbunden. Erst mit dem Einzug der Dauerausstellung des Kunstgewerbemuseums 1971 erfolgte die Namensänderung in Weinlig-Zimmer. Dem Architekten Christian Traugott Weinlig wurden lange Zeit die künstlerische Urheberschaft zugeschrieben, da dies aber weder archivalisch belegt noch stilistisch eindeutig nachweisbar ist, wurde im Zuge der Restauration nun wieder der alte Appartement-Name eingeführt – auch weil die Räume nun wieder deutlicher an ihren Zustand als Kaiserzimmer erinnern.

Die Räume der Kaiserzimmer im Bergpalais Pillnitz wurden von 2017 bis 2020 durch den Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement aufwendig restauriert. Die originalen Schnitz- und Stuckarbeiten sowie Malereien wurden sorgfältig gereinigt, fehlende Teile ergänzt und farblich veränderte Altrestaurierung neu eingestimmt. Die Untersuchungen haben es ermöglicht, dass sich nun die ursprüngliche Erscheinung der Kaiserzimmer besser nachvollziehen lässt. Das Appartement war in allen Räumen durch ein Farbkonzept geprägt, bei dem alternierend Gelb- und Blautöne gegeneinander abgesetzt. In den beiden Haupträumen waren die Wände mit strohfarbenen oder hellblauen Seidenatlastapeten bespannt und die Fenster mit jeweils farblich passenden Taft-Vorhängen dekoriert. Atlasseide entfaltet aufgrund der besonderen Bindungsart, bei der auf der Oberseite deutlich mehr Schussfäden liegen, einen sehr edlen Glanz. Die Wandbespannung bildete in beiden Räumen einen spannenden Komplementärkontrast zu den Wandvertäfelungen.

Die originalen Seidenbespannungen waren bereits 1827 im Zuge einer Renovierungsmaßnahme abgenommen und durch Papiertapeten ersetzt worden. Im Zuge der Restaurierung konnte nun wieder eine an die Erstausstattung anknüpfende Atlas-Bespannung aufgebracht werden. Aufbauend auf Inventarbeschreibungen und der Auswertung von Faserbefunden wurden neue Wandbespannungen aus strohgelbem und hellbauen Seidenatlasgewebe konzipiert. Bei den zart schimmernden Geweben handelt es sich um Satin, der 1791 zu 100% aus empfindlicher Seide bestand. Für die Restaurierung wurde aus Gründen der Nachhaltigkeit bzw. längeren Haltbarkeit der Restaurierung ein Halbseidengewebe verwendet, bei dem der Kettfaden, der das unsichtbare Gerüst des Gewebes bildet, aus robusterer und vor allem weniger lichtempfindlicher Baumwolle besteht. Der Schussfaden, der die Optik prägt, ist jedoch aus Seide. Die Bespannung wurde weitgehend nach historischem System an die Wand gebracht: Auf die Putzschicht wurde zuerst ein Leinengewebe aufgebracht. Aus konservatorischen Gründen ist darauf als moderne Zutat Japanpapier als zusätzliche Trenn- und Schutzschicht aufkaschiert. Ein Baumwollgewebe schließt als dritte Lage die Unterbespannung ab, auf der dann schließlich der kostbare Satin aufliegt. Das verwendete Textil ist maschinengewebt und hat eine Webbreite von 130 cm. Dieses moderne Maß entspricht jedoch nicht dem Maß von 1791 (ca. 53 cm). Für die authentische Anmutung und Rhythmisierung der Wand wurden die Bahnen deshalb vertikal geteilt und neu vernäht.

Kaiserzimmer, historische Ansicht des Zimmers mit gelber Wandvertäfelung aus den 1920er-Jahren

Bemerkenswert sind außerdem die Befunde zu den bemalten Wänden in den beiden außen gelegenen Zimmern. Der Dresdner Restauratorin Sandra Risz ist es gelungen, durch minutiöse Freilegungen die ursprüngliche Struktur und Farbgebung der Wände zu ermitteln. Es handelt sich um illusionistische Dekormalerei, in die teilweise noch Medaillons eingeschrieben waren. Da die Inventare die Ausstattung nicht raumweise wiedergeben und die Angaben zu den Mobilien meist sehr allgemein gehalten sind, ist es kaum möglich, die originale Ausstattung nachzuvollziehen. Besonders erfreulich ist daher, dass es dank der ursprünglich erhaltenen Entwurfsskizzen zumindest möglich war, drei originale Fensterpfeiler-Tische zu identifizieren und nach sorgfältiger Restaurierung wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückzuführen.

Dieses für die sächsische Kunstgeschichte so bedeutende frühklassizistische Interieur wird nun die Bühne für die neue Dauerausstellung „Gestaltung um 1800“ bieten. Das Kunstgewerbemuseum präsentiert hier herausragende Stücke klassizistischer Gestaltung aus der eigenen Sammlung, darunter Keramiken, Textilien und Metallarbeiten, Möbel, Papiertapeten und Uhren. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den sächsischen Entwicklungen, den im Umfeld des Dresdner Hofes agierenden Akteuren und der hiesigen Handwerkskunst der Zeit. Dafür werden die Exponate des Kunstgewerbemuseums zusätzlich durch Leihgaben aus der Porzellansammlung, dem Grünen Gewölbe, dem Münzkabinett und der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ergänzt. Als ein besonderes Stück sächsischen Kunsthandwerks um 1800 und erst kürzlich erworbenes Highlight der Sammlung des Kunstgewerbemuseums wird ein frühklassizistischer Kronleuchter in Form eines Eis aus der Chursächsischen Spiegelfabrik gezeigt. Er illustriert eindrucksvoll die äußerst fantasievolle Gestaltung von Kronleuchtern um 1800. Sowohl gestalterisch als auch technisch ist das Stück von herausragender Qualität: Seine unkonventionelle Korb- oder Eiform ist auch für die Zeit des Frühklassizismus eine große Besonderheit. Das Zusammenspiel des aus vergoldeter Bronze gearbeiteten Gestells mit dem variantenreich ausgeformten, böhmischen Glasbehang ist superb und zeugt vom hohen Niveau des sächsischen Kunsthandwerks der Zeit. Insbesondere die Chursächsische Spiegelfabrik war um 1800 eine der führenden mitteleuropäischen Manufakturen für messingmontierte Glaswaren und Leuchter.

Durch Ausgrabungen – beispielsweise in Pompeij und Herculaneum – wurde ab Mitte des 18. Jahrhunderts die Kunst des römischen Reiches zugänglich: Fresken, Statuen und dreidimensionale Objekte wie Leuchter, Vasen, Tische etc. wurden entdeckt und publiziert und so von einem breiten Publikum in ganz Europa mit großer Neugier und Begeisterung aufgenommen. Diese intensive Auseinandersetzung mit der Kultur des römischen Reiches - und durch sie vermittelt auch die Kunst des antiken Griechenlands und Ägyptens - mündete in deren Übersetzung in eine neu entwickelte Formensprache und Gestaltungsansatz – den Klassizismus. Die Kaiserzimmer sind das spannende Beispiel der Interpretation sächsischer Künstler dieses neuen Stils.

Dass Dresden zu Beginn des Klassizismus eine nicht unbedeutende Rolle spielte, wird heute oft übersehen. Doch hier traf Winckelmann auf die Figurengruppe der Herculanerinnen, die ihn zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit antiker Kunst bewog. Sowohl an der Akademie als auch im Bereich der angewandten Kunst wirkten viele Akteure und Künstler, deren Horizont und Netzwerk weit über Dresden hinausging, die selbst Italien und Frankreich bereits hatten und mit den führenden Köpfen der Zeit in Kontakt standen.

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