Es geht darum die materielle Substanz der Kunstwerke zu bewahren 07. Dezember 2021 — Dauer 6 Minuten

Voices Mag: Du bist Restauratorin für zeitgenössische Kunst für die Schenkung Sammlung Hoffmann. Hier trägst Du Verantwortung für den Erhalt von rund 1.200 Gemälden, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, aber auch von Medienkunst und installativen Werken. Wie sieht dein Arbeitsalltag in der Sammlung aus?

Franziska Klinkmüller: Der Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich und richtet sich ganz nach den aktuellen Projekten in unserem Team. Die Kernaufgabe ist aber immer ähnlich: Es geht darum die materielle Substanz der Kunstwerke und somit ihre künstlerische Intention zu bewahren. Dabei bin ich in den Ausstellungsräumen, am Computer, im Depot, in den Restaurierungswerkstätten oder auf Kurierfahrt zu finden. Meist stehe, sitze oder liege ich sehr nah vor den Kunstwerken und inspizieren ihren Zustand. Stellt sich dabei heraus, dass zum Beispiel eine Malschicht nicht mehr ausreichend auf einem Bildträger haftet oder eine Oberfläche stark verstaubt ist, dann plane ich entsprechende Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen – die ich dann entweder selbst in den Museumswerkstätten der SKD durchführe oder externe Restaurator*innen damit beauftrage. Anhand des Zustands und des Materials lege ich aber auch fest, unter welchen Bedingungen ein Kunstwerk überhaupt transportiert und ausgestellt werden darf, ohne Schaden zu nehmen.

Häufig hast du mit ephemeren und vergänglichen Werken zu tun, aber auch mit zeitgebundenen Medien und Materialien. Welche Herausforderungen bringt dies mit sich?

In der Tat ist die breit aufgestellte Materialpalette der Moderne, aus der die Künstler*innen ihre Kunstwerke schaffen, eine große Herausforderung. Restaurator*innen für zeitgenössische Kunst sind nicht nur mit klassischen, künstlerischen Materialien wie Öl auf Leinwand, Holz und Stein konfrontiert, sondern auch mit Neonröhren, Lebensmitteln, VHS-Kassetten, alten Monitoren und diversen Kunststoffen. Viele der Materialien sind vergleichsweise kurzlebig und verschleißanfällig. Schaumstoff kann nach kurzer Zeit schon enorme Alterungserscheinungen zeigen und plötzlich ist eine Skulptur nicht mehr weiß und elastisch, sondern gelblich und spröde. Oder ein Kunstwerk mit elektrotechnischen Bestandteilen, wie Glühbirnen oder Motoren, entspricht schon nach 10 Jahren nicht mehr den technischen Standards und kann ohne Umbau nicht ausgestellt werden. Bei allen Entscheidungen sind die Restaurator*innen für die Bewahrung der künstlerischen Intention zuständig und so vielfältig die Materialien sind, so divers sind auch die Ausdrucksweisen der Künstler*innen, die es zu verstehen gilt. 

Ernesto Neto, the house, 2003, Ausstellungsansicht Sammlung Hoffmann, Berlin

Apropos Kurzlebigkeit: Was können wir von deiner Arbeit für ein nachhaltiges Bewusstsein lernen?

Das Thema Nachhaltigkeit ist definitiv ein vielschichtiges und relevantes Thema in meinem Berufsalltag. Das Bewahren der meisten Kunstwerke umfasst ja auch deren Lagerung. Wir legen als Restaurator*innen die klimatischen Bedingungen für die Lagerung fest, welche für die unterschiedlichen Materialien im Hinblick auf die Erhaltung am besten sind. Zum Beispiel ist für die optimale Erhaltung von Fotografien eine relativ kühle Raumtemperatur in den Depoträumen notwendig. Besonders in den Sommermonaten bedeutet dies, dass die Klimaanlage auf Hochtouren läuft. Nachhaltiges Bewusstsein wäre, hier schon beim Planen der Depoträume auf eine klimaeffiziente Baustruktur zu achten, aber da gibt es ja derzeit viel Aufschwung.

Zudem schaue ich mir als Restaurator*in jedes Objekt immer auch im Hinblick auf die verwendeten Materialien an. Zu unserer Ausbildung gehört es, die wesentlichen Eigenschaften wie Beständigkeit, Herstellungsprozesse und Abbauprozesse der Materialien zu kennen. Sich zu verdeutlichen aus welchen Materialien die Gegenstände sind, halte ich für unabdinglich, um sich zum Beispiel auch im Alltag für nachhaltige Produkte zu entscheiden. Momentan arbeite ich etwa an einem Erhaltungskonzept für die begehbare Installation aus Schaumstoff „the house“ von Ernesto Neto aus dem Jahr 2003. Das für Besucher*innen begehbare Kunstwerk besteht aus einem relativ kurzlebigen Schaumstoff, der bereits nach wenigen Jahren an Elastizität verliert und dadurch bald nicht mehr begehbar sein wird. Anhand der verschiedenen Gesichtspunkte wie künstlerische Intentionen, materielle Zustände und Möglichkeiten der Erhaltung diskutieren wir im Team ein Konzept wie das Museum zukünftig mit diesem Objekt umgeht.

Gibt es ein Werk, das im Blick auf nachhaltige Materialien besonders interessant ist?

Die Künstlerin Teresa Murak beschäftigt sich in ihren Arbeiten häufig mit natürlichen Prozessen des Wachstums und der Verwandlung. Sie arbeitet hauptsächlich mit organischen Materialien wie Erde, Tücher, Sauerteig und immer wieder Kressesamen. Das Werk Ohne Titel (Handschuhe) von 1975/76 zeigt zwei Handschuhe, die aus gekeimten Kressesamen bestehen und in einem transparenten Kunststoff eingegossen sind. Die Samen sind durch die Körperwärme während des Tragens der Handschuhe gekeimt. Die eigene Körperwärme hat dazu beigetragen, dass sich etwas Neues entwickelt – und dabei eine natureigene Energie aktiviert wird. Für mich macht das Werk auf die wunderschönen Prozesse der Natur aufmerksam, dessen Teil auch der menschliche Körper ist. Nachhaltigkeit ist nach meiner Auffassung auch das Verständnis vom eigenen Handeln als Teil der Natur.

Andererseits sind im Hinblick auf nachhaltige Prozesse all jene Kunstwerke interessant, die keine wesentliche physische Komponente enthalten – denn sie sind leicht transportabel und beanspruchen kaum Lagerfläche. Unsere Lagerflächen müssen nämlich klimatisiert werden, und der Transport großer Werke ist CO2-intensiv.

Teresa Murak, Ohne Titel (Handschuhe), 1975/76.

Du hast einen sehr medien- und materialbezogenen Blick auf Kunst. Wann ist ein Kunstwerk für Dich gelungen?

Mich begeistert es zum Bespiel, wenn Materialien aus einer alltäglichen Situation zu etwas Neuem werden. Das Werk „Autômato“ von José Damasceno ist eine am Boden liegende Skulptur aus Styroporteilen, die sich gewöhnlich in der Verpackung von elektronischen Geräten finden. Solche Bauteile hat jede Person einmal in den Händen gehabt und meist relativ schnell in den Müll geworfen. Der Künstler hat die Teile sorgfältig ausgesucht und zu einem Körper zusammengesetzt. Den Betrachter*innen wird erst auf dem zweiten Blick klar, dass die roboterhafte Figur am Boden aus einem Wegwerfprodukt besteht. Dieses Kunstwerk finde ich gelungen, weil die Wahl des Materials der Formsprache der Skulptur zuspielt und der Inhalt sich für die Betrachter*innen individuell gestalten lässt. Aber angesichts der vielseitigen Herangehensweise zeitgenössischer Künstler*innen, gibt es für mich keine Faustregel für eine ideale Verstrickung von Inhalt, Form und Material.

José Damasceno, Autômato, 2000

Darüber hinaus: Gibt es ein Werk, das es Dir besonders angetan hat?

Die Werke der Sammlung sind alle wundervoll. Noch habe ich nicht jedes einzelne gesehen, aber die Installation „Celesta“ von Madeleine Berkhemer, die vor zwei Jahren in Prag aufgebaut war, hat mich sehr begeistert. Das ist eine Rauminstallation aus farbigen Feinstrumpfhosen, die zwischen den Wänden gespannt sind. Durch das Spannen der Strumpfhosen ergibt sich ein Spinnennetz aus tollen Farben und Formen. In der Mitte hält das Netz ein Nest aus Kugeln, Würsten und Perücken. Die Künstlerin baute das Kunstwerk in diesem Fall noch selbst auf. Ich war ganz berauscht zu beobachten, wie aus einer Kiste so groß wie zwei Umzugskartons ein raumfüllendes Erlebnis aus Feinstrumpfhosen entstand.