It is what it is 07. Juni 2022

Der Raum im ursprünglichen Zustand: die Wände und der Boden sind mit weißem Papier ausgekleidet, in der Mitte steht ein halbmeterhoher Stapel weißes A4-Papier, daneben auf zwei Seiten je zwei Stapel Wachsmalstifte (Grün, Gelb und Blau Rot) aufgetürmt, wie gefällte Bäume am Waldwegesrand.

Wer in den letzten Wochen in Dresden die Wände eines Museums mit Farbe bemalt hat, war mit aller Wahrscheinlichkeit zu Besuch im Japanischen Palais, nicht um sich eine Anzeige wegen Sachbeschädigung einzufangen, sondern um zu einem kollektiven Kunstwerk beizutragen. Als dort nämlich die zweite Auflage der Kinderbiennale, die unter dem Motto „Embracing nature“ stand, Ende Februar in eine zweimonatige Verlängerung ging, wurde das vielfältige Programm rund um den Menschen und seine Beziehung zu Natur und Umwelt um die partizipative Arbeit It is what it is des Dresdener Künstlers Artourette erweitert. Konnten sich die Besucher*innen bei ihrem Ausstellungsrundgang vorab beispielsweise unter einem Himmel aus tausenden Kunstblumen entspannen oder virtuellen Schmetterlingen nachjagen, bot der letzte, in meterlange weiße Papierbahnen gehüllte Raum die Möglichkeit der freien Gestaltung.

Der Raum im ursprünglichen Zustand: die Wände und der Boden sind mit weißem Papier ausgekleidet, in der Mitte steht ein halbmeterhoher Stapel weißes A4-Papier, daneben auf zwei Seiten je zwei Stapel Wachsmalstifte (Grün, Gelb und Blau Rot) aufgetürmt, wie gefällte Bäume am Waldwegesrand.

Durch 1000 bunte Wachsmalstifte und einen anfänglich noch vorhandenen Stapel weißer Papierblätter erhielten hier Klein bis Groß auf spielerische Art die Möglichkeit, ihre passive Rolle zu verlassen und selbst aktiver Teil eines kreativen Prozesses zu werden. Ein Angebot, das mit Begeisterung angenommen wurde und zu aufschlussreichen Ergebnissen führte. Denn bereits mit dem Betreten der ersten Besucher*innen begann sich der einst cleane Raum sukzessive zu verwandeln: zuerst hier eine Sonne, dann dort eine Gruppe an Dinosauriern. Auf Blumen und Herzen folgten Peace-Zeichen und Friedensaufforderungen. Und natürlich ließen auch die allerorts bekannten „Ich war hier“ Kritzeleien und Namenskürzel, die in ihren Funktionen von Existenzbekundung und territorialer Markierung durchaus Parallelen zu Tags aus der Graffitikunst aufweisen, nicht allzu lange auf sich warten. Anfangs noch in einem Nebeneinander, später sich gegenseitig überlagernd, verzierten so die individuellen Beiträge Wände und Fußboden.

All diese Zeichen und Formen traten dabei mit sich und den Anwesenden in einen mehrwöchigen visuellen Dialog und breiteten sich wie eine Art grafisches Geflecht über den Raum aus. Als die so entstandene großformatige abstrakte Arbeit eines Tages an die ihr vorgegebenen räumlichen Bildgrenzen geriet, wanderten die in Wachs gebundenen Farbpigmente fortan nicht mehr nur über Papier. Stattdessen fanden diese ihren Weg auch auf Fensterscheiben und Heizkörper, verließen in mancherlei Kinderhänden vereinzelt sogar den Ausstellungsraum und platzierten sich hier und da in Form kleiner bunter Kringel im restlichen Gebäude. Und auch die mittlerweile von unzähligen Wachsschichten überlagerten, ledrig glänzend braunen Papierbögen zu Boden bekamen mit der Zeit Risse und wurden schlussendlich sogar rückseitig weiterbemalt.

Erscheint die Arbeit It is what it is zunächst als pures Chaos aus Farben und Formen, lässt deren partizipativer Entstehungsprozess jedoch eine empirische Lesart an der Schnittstelle von Mensch und Umwelt zu. So offenbart sich in jenem Chaos auch ein visueller Abdruck unserer Gesellschaft. Eine Erkenntnis, die schließlich einige Fragen aufwirft: Auf welche Art und Weise gestalten wir gemeinsam unsere Umwelt und wie gehen wir dabei mit den uns zur Verfügung stehenden Rohstoffen um? Welches Verhalten legen wir an den Tag, wenn ebendiese natürlichen Ressourcen zur Neige gehen? Darüber hinaus wäre es spannend zu erfahren, zu welchen Ergebnissen Artourettes partizipative Arbeit in anderen Kulturkreisen geführt hätte? Beispielsweise bei jenen indigenen Völkern, die ein vollkommen anderes Verständnis in ihrem Umgang mit Raum haben als unsere westliche, kolonialistisch geprägte Zivilisation. Öffnet It is what it is neben diesen noch viele weitere Fragen in puncto Mensch und Natur, so kann das finale Werk der Sonderausstellung zugleich als Ausrufezeichen am Ende der Bitte, mehr Achtsamkeit im Umgang mit unserer Umwelt walten zu lassen, gelesen werden.

Artourette. It is what it is | Japanisches Palais