Was von der Fast-Food-Kultur übrigbleibt 29. April 2022

Sie sind schnell zur Hand, praktisch und oft schön bunt. Jeder kennt sie und hat sie schon einmal benutzt: Plastik-Bestecke. Vom kompletten Essbesteck bis zum niedlichen Eisspatel, vom farbigen Cocktailspieß bis zum Mokka-Löffelchen und zur zwei- oder dreizackigen Pommes-Gabel erleichtern sie den unkomplizierten Verzehr unterwegs, zwischendurch und nebenbei – an der Eisdiele, am Bahnhof, im Büro, beim Camping, Picknick oder Gartenfest. Plastik-Bestecke sind das sichtbare Symbol einer unbeschwert-optimistischen Wegwerfkultur, wie sie sich seit den 1970er-Jahren über weite Teile des Globus ausgebreitet hat. Massenhaft hergestellt, preisgünstig, leicht zu transportieren und einfach zu entsorgen, feiern Plastik-Bestecke, aber auch To-Go-Becher, das sorglose Leben urbaner Nomaden.

Bei all den anonym gestalteten Besteckteilen handelt es sich um Dinge, die wir selten bewusst wahrnehmen und im naiven Glauben wegwerfen, sie seien, einmal im Mülleimer, sogleich ganz verschwunden. In Wahrheit sind sie es keineswegs. Aus anonymen Dingen wird nur anonymer Müll. Selbst wo die Wegwerfbestecke verbrannt werden, existieren sie als Emissionen weiter und zeitigen die bekannten Folgen.

Ein wirrer Haufen von Wegwefbesteck im Müll

Peter Eckart und sein Kollege Kai Linke sammeln seit vielen Jahren Plastiklöffel und -bestecke aller Art. Was Kai Linke angeht, so hat das eher zufällig angefangen, als ihm ein Freund Cocktailstäbchen aus den 1970er-Jahren mitgebracht hat. „Damals“, so Linke in einem gemeinsamen Interview mit Peter Eckart auf der Plattform ndion, „hatte noch jedes Luxushotel seine eigenen Cocktailstäbchen, und er hatte zwischen Sperrmüll ein ganzes Bündel solcher Stäbchen gefunden und meinte: ,Guck mal hier! Das wäre doch was für dich‘.“ Später hat er seine Sammlung auf diverse Esswerkzeuge ausgeweitet; der Fokus auf Einwegbestecke aber blieb. Peter Eckarts Sammlung ist unter anderem auch entstanden, weil er sie irgendwann zum Gegenstand der Lehre gemacht hat. Lässt sich doch, so Eckart, anhand der Bestecke „prima in die Auseinandersetzung mit der Thematik Mensch – Objekt – Interaktion einführen und erklären, wie Design funktioniert – hinsichtlich Konstruktion, Herstellung und so weiter, aber auch auf der symbolischen, auf der Handhabungs- und Gebrauchsebene“.

Viele bunte Plastiklöffel in verschiedenen Farben und Formen horizontal sortiert

Auch wenn die Ausstellung neben Löffeln auch Messer, Gabeln und viele andere Besteckteile aus Plastik ausbreitet, trägt sie den Titel „Spoon Archaeology“ nicht zu Unrecht. Auf einer von den beiden Designern erstellten „Complexity Map“ kann man nachvollziehen, wie sich das Verhältnis von Lebensmittel zu Besteck historisch entwickelt hat. Der Löffel erscheint dabei gewissermaßen als Urinstrument. Ebenso wohlbegründet ist die archäologische Perspektive: Seit dem 3. Juli 2021 sind Einwegplastikprodukte aufgrund einer Verordnung der EU verboten. Gestaltung und Herstellung sind beendet, die vielfältige Geschichte solcher Dinge mithin abgeschlossen. Aus Produkten des täglichen Verbrauchs sind Zeitzeugen geworden, die Auskunft geben über eine vergangene Ära der Konsumgesellschaft. Als historisch gewordene Artefakte sagen die Bestecke nun etwas aus über ökologisch sorglose Konsumgewohnheiten, über die Speisen, für die sie gedacht waren und den Kontext, in dem sie benutzt wurden, über Marken, die sie als Werbeträger eingesetzt und über die Esskultur, die sie repräsentiert haben. Da sie Belegstücke für eine bestimmte Epoche der Material-, Technik-, Design-, Ess- und Kulturgeschichte sind, konzentrieren sich in ihnen die Facetten einer Lebensform.

Monochrome Grafik mit vier Perspektivansichten eines Löffels und zwei Mündern

Die Ausstellung stimmt aber keinen melancholischen Abgesang an. Sie blickt kritisch nicht nur zurück, sondern auch nach vorne. Unterstrichen wird das mittels der Archäologie der Gegenwart geschaffene Problembewusstsein durch drei Filme: In der Dokumentation „Banana Leaf“ von Ray und Charles Eames aus dem Jahr 1972 zeigt das berühmte Designerpaar auf, dass es – in diesem Fall in der Esskultur Südindiens – auch ganz anders geht, wenn beides, Geschirr und Besteck, durch ein einfaches Bananenblatt ersetzt werden. Ein eigens produzierter Film von Julie Gaston und Robin Schmidt zeigt Menschen in Offenbach, die mit den Händen essen. Der dritte Film beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz und versucht herauszufinden, wie man Hände und Besteck gewissermaßen zu etwas Zukünftigem verbinden könnte.

So zeichnet die Ausstellung einerseits das Bild einer Gesellschaft, die so nicht weiter funktionieren kann. Zugleich aber macht sie deutlich, welche Chance zur Umkehr darin liegt, dass etwas abgeschlossen ist und die Zukunft bewusst etwas neu gestaltet werden kann. Oder, wie Peter Eckart es ausdrückt: „Wenn in vierhundert oder fünfhundert Jahren das letzte Plastikbesteck zersetzt ist, wird man auf diese Ära zurückblicken – und das haben wir quasi vorgezogen. Deswegen präsentieren wir die Besteckteile auch wie Insekten in Kästen, die das Gezeigte gewissermaßen museal überhöhen.“

Buntes Plastikbesteck wohlsortiert in einem musealen Schaukasten