Ortsgespräche: Die Schenkung Sammlung Hoffmann im Dialog mit Glauchau 13. Oktober 2022

Frontansicht von Schloss Forderglauchau, dem Sitz von artgluchowe

Nach einem Besuch der Sammlung Hoffmann in Berlin mit uns von der Schenkung Sammlung Hoffmann und einem gemeinsamen Workshop, hat sich die Galerieleiterin des Kunstvereins, Katarzyna Zierold, für ein Werk des Videokünstlers Marcel Odenbach entschieden. Dabei handelt es sich um eine Arbeit Odenbachs, welche ein regional wichtiges Thema berührt, jedoch zugleich eine globale Relevanz besitzt. Nach Auswahl des Werkes hat Katarzyna Zierold fünf lokale Künstler:innen eingeladen, sich mit dem Werk zu beschäftigen und mit Neuproduktionen darauf zu reagieren. Entstanden sind fünf eindrückliche Arbeiten, die sich ganz unterschiedlicher Medien bedienen, um sich mit drängenden Themen wie Flucht, Schmerz und Untergang auseinanderzusetzen – Themen, die die Videoarbeit Odenbach‘s „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ bei ihnen angestoßen hat.

Rückansicht dreier Männer, die im Louvre Théodore Géricaults Gemälde "Das Floß der Medusa" besehen, dessen Unterkante mit einigen der Schiffbrüchigen im Hintergrund zu sehen ist.

So zeigt die Videoprojektion Odenbachs von 2011 drei Menschen afrikanischer Herkunft, die durch den menschenleeren Ausstellungsraum des Pariser Louvre schreiten bis sie in Gedanken versunken vor dem Gemälde „Das Floß der Medusa“ Théodore Géricaults aus dem Jahr 1819 stehen bleiben. Darauf zu sehen ist, wie sich auf hoher See und ihrem Schicksal ausgeliefert, Schiffbrüchige verzweifelt an die spärlich zusammengefügten Planken ihres provisorischen Floßes klammern, das von toten Körpern bedeckt ist. Als Géricault das Gemälde im Salon in Paris unter dem unspezifischen Titel „Szene eines Schiffbruchs“ zeigte, war den Zeitgenossen damals unmittelbar klar, worauf er sich mit seinem großen Werk von fünf mal sieben Metern bezog. Denn das Historiengemälde Géricaults thematisiert den Schiffbruch der französischen Fregatte „La Méduse“ drei Jahre zuvor vor der nordafrikanischen Küste, auf dem Weg nach Senegal. 13 Tage trieb ein aus Masten gezimmertes Floß mit 149 Menschen darauf sowie mit unzureichend Nahrung und Wasser auf dem Meer. Unter diesen unwürdigen Umständen gab es lediglich 15 Überlebende als das Floß schließlich gefunden wurde. Das grausame, unmenschliche Ereignis, das durch Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit ausgelöst worden war und dem restituierten Regime zur Last gelegt wurde, wühlte die französische Gesellschaft zu jener Zeit stark auf. Auch die Arbeit Marcel Odenbachs ist von einem starken Bewusstsein für die historisch-gesellschaftlichen Themen der Zeit beeinflusst, die er oftmals in sinnlich-ästhetische Bilder setzt. Unweigerlich zwingt die zeitgenössische Betrachtung die Gedanken an heutige Flüchtlingsdramen und die Bilder und Erzählungen von überladenen und vom Untergang bedrohten Schleuserbooten auf. Die eigene Familienbiographie –  da Vetter seiner Familie großmütterlicherseits in der belgischen Kolonie des heutigen Kongo lebten – bewegt den in Köln, Berlin und Cape Coast in Ghana lebenden Künstler dazu in seinen Arbeiten das Wirken und Nachwirken des europäischen Kolonialismus in Afrika zur Sprache zu bringen.

Anja Elze: "That moment", Gemälde, das zwei Frauenköpfe in einem diffusen Strudel aus dunklem Schwarz, Blau und Grau zeigt.

Darüber, welcher Moment in dem Film „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ die Künstler*innen zu ihrer Arbeit inspiriert hat, haben sie mit Katarzyna Zierold gesprochen. Für die in Lichtenstein (Sachsen) geborene Künstlerin Anja Elze (*1975) war das Meditative in Marcel Odenbachs Film inspirativer Moment für ihr Bild weiblicher Köpfe, die in einem dunklen Strudel aus Farben zu versinken scheinen. Für Elze drückt sich in dem stillen Betrachten des Bildes durch die drei Männer die eigene Erkenntnis aus, dass ein „Schiffbruch“ im übertragenen Sinne, ganz unabhängig von der eigenen Herkunft oder des sogenannten gesellschaftlichen Status geschehen kann, und einem „manchmal das Leben das Schwimmen lehren kann, ohne dass man ganz real physisch in dieser Situation sein muss. Wer etwas wagt, darf mit allem rechnen ... oft geht es gut aus, manchmal nicht ... so oder so nennt man es dann ‚Schicksal’.“

Die Ausstellungsräume in Glauchau: In einem Holzboot sitzen zwei Figuren, die eine hält ein Handy, die andere trägt eine Schwimmweste. Zwischen ihnen ist das Boot in der Mitte mit Stacheldraht überwölbt. An der Wand im Hintergrund hängt ein Gemälde von Anja Elze.

„Sitzen wir nicht alle im selben Boot?“, fragen die in Glauchau aufgewachsenen Zwillingsbrüder Robby und Marcel Oertel (*1980), die unter dem Synonym GeBruederOnkel mit ihrer Installation eines Holzboots den Galerieraum durchkreuzen. So sitzen sich in dem Boot zwei durch einen Stacheldraht getrennte, gegliederte Holzfiguren gegenüber, die an Marionetten erinnern. Eine Figur mit Rettungsweste steht sinnbildlich für einen Menschen auf der Flucht und ist im Zeichen der Hoffnung grün hervorgehoben. Die Brüder möchten damit weiterführend auf die vielen verschiedenen Fluchtursachen, wie Krieg und Gewalt, Verfolgung und Diskriminierung oder auch Armut und Perspektivlosigkeit aufgrund der Zerstörung von Lebensgrundlagen durch den Klimawandel verweisen. Die der Hoffnung gegenübersitzende Figur ist von aggressiver Wut rot markiert. Sie lebt zwar im Wohlstand und einer augenscheinlichen Komfortzone, doch ist sie ebenfalls von bedrückenden Ängsten und Sorgen gequält. Unlängst scheint die an ihr Smartphone geheftete Figur in ein Extrem von Hasskommentaren und sogenannten Fake News abgedriftet zu sein. Als Spielball höherer Mächte erkennt sie nicht, dass letztlich „alle im selben Boot sitzen“.

Dem ruhigen Wellentreiben der auf der griechischen Insel Paros entstandenen Marmorskulptur "Anonym im Mittelmeer ertrunken" von Erika Harbort (*1954), mag man die Unberechenbarkeit des offenen Meeres nicht ansehen. Die in Chemnitz geborene Künstlerin verweist in dem großen bearbeiteten Stein jedoch auf das Trügerische der Ruhe und die unzähligen namenlosen Schiffbrüchigen im Mittelmeer. Dem Pendant „Schrei“ aus dem selben Jahr – einer Büste mit weitaufgerissenen Augen und Mund, mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen, diesem Motiv ist die Verzweiflung angesichts des Untergangs ohne Zweifel abzulesen. Erika Harbort haben in der Arbeit von Odenbach die stolze Haltung und Blicke der drei Männer fasziniert, trotz des Angriffs auf ihre Würde durch die Geschichte des Kolonialismus, durch Menschenrechtsverletzungen und diktatorische Systeme. Harbort ist sich sicher, dass „niemand sein Land verlassen würde, wenn er eine Zukunft in der Heimat für sich und seine Kinder hätte.“

Siegfried Otto Hüttengrund: "Floß der Verdammnis" (2922), Ollasurmalerei, die ein zu einem Floß aufgehäuften Schuttberg mit einigen Figuren darauf darstellt, das auf dem Meer schwimmt.

Das „Floß der Verdammnis“, ein Gemälde des in Hohenstein-Ernstthal geborenen Künstlers Siegfried Otto Hüttengrund (*1951) stellt ein abgeschossenes Flugzeug eines Aggressors dar, welches im weiten Ozean dahintreibt. Es scheint von zwei unermüdlichen Überlebenden mit letztem kläglichen Bemühen noch in die Form eines Floßes gebracht worden zu sein. Das ruhige tiefblaue Wasser ist eingerahmt von strahlend leuchtender Feuerglut, die beim Betrachten unmittelbar deutlich macht, dass die Gruppe von Menschen, die sich auf das treibende Wrack gerettet hat, dem Untergang geweiht ist. Ansatz des Künstlers Siegfried Otto Hüttengrund zum Thema „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ sind die unzähligen kriegerischen Auseinandersetzungen auf See und in der Luft. Das Element Wasser beendet die Scheußlichkeiten des Krieges oft und geleitet die Soldaten zu ihrer letzten Ruhestätte, den Weiten der Ozeane.

Peter Geist: Das Floß - oder die ewige Schlachtbank. Aufsicht auf ein Floß, das von kreisförmigen Wellen umgeben ist. Zwischen den Wellen drängen sich Schiffe, Tierleichen und eine Vielzahl von Menschenköpfen zu sehen.

Die Wiederbegegnung mit dem erschütternden Bild „Das Floß der Medusa“ (1819) von Theodore Géricault im Film von Marcel Odenbach, gab für den Peter Geist (*1956) den Anstoß für „Das Floß – oder die ewige Schlachtbank“ (2022). Für den in Hohenstein-Ernstthal geborenen Künstler Geist stellt sich in dem Historienbild all jenes Unaussprechliche dar, was auch in heutiger Zeit und angesichts des Ukrainekrieges zu beobachten ist. Zu einem Bild verschmelzen hier Flucht, Tod, Hunger und Vertreibung auf der Welt, wie auch Elend und Leid.

Eine künstlerische Reaktion auf Marcel Odenbachs „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ hätte sich laut Peter Geist auch in einer Skulptur, einer Plastik, einem Objekt, einem Wort oder einem Schrei äußern können. Entstanden ist hier jedoch ein kleinteiliges Gemälde, welches ausgehend von dem Floß ähnlich Dantes Inferno auf die verschiedenen Reisen in die menschlichen Abgründe führt. Zudem reichte der Künstler folgende Zeilen mit ein, die parallel zum Werk entstanden sind:

IM SCHIFFBRUCH NICHT SCHWIMMEN KÖNNEN

NICHT SCHWIMMEN KÖNNEN IM WASSER

NICHT FLIEGEN KÖNNEN IN DER LUFT

NICHT BRENNEN KÖNNEN IM FEUER

NICHT LAUFEN KÖNNEN AUF DER ERDE

MUSS SCHWIMMEN

MUSS FLIEGEN

MUSS BRENNEN

MUSS LAUFEN

SCHWIMMEN

FLIEGEN

BRENNEN

LAUFEN

LEBEN

LEBEN

LEBEN

LEBEN

GEIST

DAS FLOSS – ODER DIE EWIGE SCHLACHTBANK

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