Klarer Himmel. Arlette Quynh-Anh Tran im Gespräch mit Kathleen Reinhardt 06. Oktober 2022

Die von mir vorgeschlagene Serie ist eine Kollage aus vielen Geschichten und Schicksalen des vietnamesischen Volkes in verschiedenen Räumen und Zeiten, von der Ära der sozialistischen Ideologien bis zu den neoliberalen Städten, die mit traditionellen Bräuchen und Glaubensvorstellungen aus der vorindustriellen Zeit verflochten und zugleich durch sie herausgefordert sind. In solchen Millieus erscheint Ostdeutschland (die DDR) mal plakativ, mal subtil und mal als ferne korrelierende Prämisse für soziale Vergleiche und Referenzen. Vielleicht liegt die Verbindung der beiden Länder in den Überresten einer verdrängten Ideologie.

Arlette, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, ein wenig mehr darüber zu sprechen, wie Du die Filmauswahl für „voices“ im Kontext des digitalen Screening-Programms zum Forschungs- und Ausstellungprojekt „Revolutionary Romances. Transcultural Art Histories in the GDR“ getroffen hast. Ich bin mit dem weitreichenden Thema der Beziehungen zwischen der DDR und Vietnam an Dich herangetreten. Kannst Du uns verraten, wie Du mit Deiner Auswahl begonnen hast und wie Du das Thema entwickelt hast?

Ich danke Dir, Kathleen, dass Du mir diese Gelegenheit gibst, ein Thema zu vertiefen, das mit Überlegungen verbunden ist, die mir in den letzten Jahren oft durch den Kopf gegangen sind.

Normalerweise denken die Menschen, wenn es um die Beziehung zwischen zwei Ländern geht, sofort an die Geschichten von Mensch-zu-Mensch-Netzwerken, die zwischen den beiden Ländern bestehen. Mir ist es jedoch lieber, erst die Räume und Landschaften zu beobachten, mit denen die Menschen umgeben sind, denn die Plätze und Bräuche der Menschen überschneiden sich, stoßen aufeinander, formen sich gegenseitig. Gleichzeitig aber überlagern sie sich auch, bekämpfen sich, leisten einander Widerstand. In Landschaft und Raum zeigen die sich darin bewegenden Menschen ihre Verhaltensweisen und kulturellen Merkmale durch die Texturen der Flächen. Diese enthüllen den Rhythmus und die Art der Aktivitäten der dortigen Gemeinschaft und beschreiben als solche die kollektive Geschichte der Gemeinschaft. Du musst zum Beispiel einmal im Dong Xuan Center, einem geschäftigen, von Vietnamesen geführten Asia-Markt in Berlin-Lichtenberg, gewesen sein. Normalerweise fuhr ich aus der Stadtmitte, Nähe Alexanderplatz, dorthin und nahm die M8 bis zum Markt. Bevor Du die Geräusche der Menschen, die sich auf Vietnamesisch miteinander unterhalten, hörst, riechst Du schon das Aroma von bún chả (gegrillten Schweins-Vermicelli) oder siehst die bunten Muster der Waren; vielleicht bemerkst Du auch eine Veränderung der Umgebung, je näher Du der Bahnstation kommst. Die Stadtlandschaft verändert sich stark, von den Altbauten von Berlin Mitte über die Architektur der Karl-Marx-Allee oder dem „Sozialistischem Klassizismus“ des Platzes der Vereinten Nationen bis hin zum “Plattenbau” und den großen lagerhausmäßigen Markthallen in Lichtenberg und Marzahn. Solche Veränderungen sind immer dynamisch, sich gegenseitig überlappend, auslöschend, das verschiebend, was bereits da ist. Diese architektonischen und stadtplanerischen Erscheinungen sind Zeugen und Überbleibsel historischer Veränderungen. Sie verdeutlichen die Überschneidung zwischen Politik, Migration und wirtschaftlichen Interessen. Ganz unbemerkt können die Merkmale eines architektonischen Ensembles die Intersubjektivität der Menschen, die sich darin befinden, offenbaren.

Wenn ich daher über die Beziehung zwischen der DDR und Vietnam nachdenke, möchte ich das auf eine Art tun, die über die Authentizität der Herkunft hinausgeht und damit vom reinen Nationalismus weit entfernt ist. Ich hoffe, ich finde eine Sicht, die einen Kontext liefert, diesen aber nicht auf ein rein politisches, soziales oder ethnisches Motiv herunterbricht. Ich suche nach Verbindungen oder Beziehungen, die kaum wahrnehmbar, ja, sogar unklar sind. So wie Ho Chi Minh – ein kommunistischer Führer – Präsidenten Harry Truman mehrmals kontaktierte und um die Intervention der Amerikaner in Vietnam bat, um die französischen Kolonialherren vollständig aus Indochina zu vertreiben. So wie die Art und Weise, wie die Vietnamesen sich ausdehnten und den modernen osteuropäischen „Plattenbau“ an den Bedarf ihrer Lebensweise anpassten oder in Stadtvierteln Landwirtschaft betrieben, indem sie Gemüse anbauten oder Schweine in Mehrfamilienhäusern hielten. So wie die unklare Natur der Solidaritätsvereinbarung zwischen der DDR und Vietnam – einerseits Lehrlinge für technische Berufe, andererseits Export billiger Arbeitskräfte aus einem Land der dritten Welt nach Europa.

Mit diesen Gedanken im Kopf gestaltet sich die Auswahl der Werke für die „voices“-Reihe keineswegs einfach. Ich entschied mich für die ideologischen Überbleibsel als Hauptbezug für die Beziehungen zwischen der DDR, einem kommunistischen Land, das ausgelöscht wurde, und Vietnam, wo der Kommunismus das ganze Land uniformierte und dann zu einem partei-gesteuerten Neoliberalismus mutierte. Von diesem abstrakten Themenstrang ausgehend, verwob ich die Phänomene miteinander, die in häuslichen und öffentlichen Bereichen des heutigen Vietnam und Deutschland auftreten, indem ich Bilder in verschiedenen Ausdrucksformen von Filmemachern und Künstlern aus Vietnam und Nachkommen von Vietnamesen aus Spielfilmen wie „We come into life“ (2021) von Siu Pham, Kurzfilmen wie „Jackfruit“ (2021) von Thuy-Trang Nguyen, Animationsfilmen wie „Cardio“ (2022) von Nguyen Duc Huy und „Through the looking glass“ (2022) von Nguyen Tran Nam sowie Musikvideos wie„Sinh to 1“ (2020) von Nodey auswählte.

Welche Rolle spielt die DDR im Alltagsleben von Vietnam? Vielleicht kannst Du auch etwas dazu sagen, in welchem Maße die Trennung zwischen Süd und Nord in der Gesellschaft noch immer zu spüren ist, und zu den jeweiligen Geschichten/Identifikationen?

Ich denke, Deutschland ist ein besonderer Fall, wenn es darum geht, über die vietnamesische Übersee-Gemeinschaft zu sprechen. Mit dem Rückzug der US-Truppen aus Vietnam und dem Nord-Süd-Konflikt, der in der ersten Hälfte der 1970er Jahre endete, verlagerte sich die Konfrontation der zwei Supermächte des Kalten Krieges auf andere Schlachtfelder. Aber für die Vietnamesen gab es insofern eine Fortsetzung, als sich die Auswandererströme in zwei verschiedene Richtungen bewegten: Die Flüchtlinge südlich vom 17. Breitengrad flohen in die USA, nach Australien und Westeuropa und die nördlich davon beheimateten Flüchtlinge gingen in großer Zahl offiziell als Auslandsstudenten oder Vertragsarbeiter nach Osteuropa oder in die Ostblockländer. Der eiserne Vorhang, der die zwei Auswanderergemeinschaften trennte, existiert noch heute. Diese Teilung wurde jedoch mit der Wiedervereinigung in Deutschland durcheinandergeschüttelt. In den Augen der Menschen des Westens und in den Bevölkerungsstatistiken verschmolzen diese zwei Auswanderergemeinschaften an der nahtlosen Grenze zu einer Gemeinschaft – Übersee-Vietnamesen. Und in Vietnam nahm der Fluss der Migranten von Nord nach Süd nach der Wiedervereinigung bedeutend zu: Familien mit Verwandten in der DDR gingen in den Süden, um dort zu leben, in Familien, deren Verwandte in die BRD geflüchtet waren. Später wanderten diese Familienangehörigen aus oder schickten ihre Kinder zum Studium nach Ost- oder Westdeutschland. Die Trennung ist möglicherweise in Deutschland innerhalb der verschiedenen vietnamesisch-deutschen Gruppen stärker ausgeprägt, denn die Lebensgewohnheiten und Lebensart unterschied sich bei denen, die aus dem Süden kamen, von den Vietnamesen, die aus dem Ostblock kamen. In Vietnam jedoch scheinen diese historischen Erbteile zu verblassen, man spricht nur noch von dem vereinigten Land, Deutschland, oder Vietnam. Zuweilen flackern sie dann erneut auf: in den Zusammenkünften der Landsleute im Ausland, bei Treffen von früheren internationalen Studenten oder Arbeitern in der DDR, oder angesichts der Ausstellungen von Solidaritätsplakaten gegen Imperialismus im Kriegsopfermuseum in Saigon.

Ich weiß, dass Du in Berlin, aber auch in Vietnam und in den USA studiert hast und als Kuratorin in verschiedenen Bereichen arbeitest. Welche Unterschiede siehst Du in den akademischen Herangehensweisen an die Kunstgeschichte oder die Geschichte der Social Arts und inwiefern kann das für die postsozialistischen Kontexte von Ostdeutschland und Vietnam relevant sein?

In den letzten knapp zwei Jahren war ich kuratorische Beraterin des Kuratorenteams der 58. Carnegie International, die von meinem Freund Sohrab Mohebbi geleitet wird. Wir haben viel über den „geopolitischen Fußabdruck“ der Vereinigten Staaten in der Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gesprochen, mit besonderer Aufmerksamkeit gegenüber den untergründigen Strömungen, wo sich die Standpunkte der Akteure nicht wirklich ausmachen lassen. Sohrab gab der Ausstellung einen sehr interessanten Namen: „Is it morning for you yet?“. Er sagte: „Wenn es für manche Morgen ist, könnte es für andere noch Nacht sein.“ In der Tat ist die Ambiguität vielleicht eines der maßgeblichen Merkmale von kleinen Ländern, die von diesem Kalten Krieg beherrscht wurden. Was die postsozialistischen Kontexte Deiner Frage anbelangt, so gibt es diese zwischen Ostdeutschland und Vietnam, nicht aber zwischen Ostdeutschland und Nordvietnam. Welches Vietnam ist das? Nordvietnam, das Verbindungen zur DDR hatte? Oder das gemischte Vietnam von heute? Diese Ambiguität ist kein Eklektizismus, sondern betont in ihrer allumfassenden Präsenz die Merkmale der allgemein vertretenen Ideologie. Man sollte die Details der Oberfläche genauer betrachten. Unterbrochene Linien, aufglimmende Funken, Dinge, die vor dem Blick verborgen sind, auf der Rückseite der Oberfläche, kleine Gesten, die sich nicht in Kategorien einordnen lassen. Man kann nur darum herumreden, in die Nähe davon kommen.

Die Geschichte der vietnamesischen Kunst in der Welt wurde oft von ausländischen Forschern oder Übersee-Vietnamesen, die größtenteils aus den Vereinigten Staaten oder Westeuropa kommen, aufgenommen und aufgeschrieben. Daher sind Gespräche und der Austausch über Kunst auf das heutige vereinigte Vietnam fokussiert, besonders nach dem Meilenstein der Doi Moi, oder auf die Migrantengemeinschaft, die in dem früheren anti-kommunistischen Block lebt. Die Kunst von Südvietnam in der Zeit vor 1975 liegt in unterbrochenen oder vergessenen Zeiträumen der Kunstgeschichte. Aber sogar der sozialistische Realismus gilt als überholt und wegen seiner staatlichen Propagandamaschine aus der Mode gekommen oder als zu Retro-Handelsgütern degeneriert.

Die vietnamesische Kunstgeschichte braucht weniger einseitige Perspektiven, um die vergangenen ästhetischen Bewegungen wieder aufnehmen zu können. Was für den klaren Himmel der Ideologie der DDR und von Vietnam als selbstverständlich galt, könnte die Vorderseite einer Zeichnung sein, die einfach einen nackten Körper darstellt, der sich unerschütterlich gegen die Zeit auflehnt.

Ich weiß, dass Du auch eine besondere persönliche Verbindung zur DDR hast – Du wurdest in Ostberlin geboren, bist in den 1990er Jahren nach der Friedlichen Revolution und Wiedervereinigung Deutschlands nach Vietnam zurückgekehrt und kamst dann später wieder nach Berlin, um hier zu studieren. Wie ist Deine Beziehung zu Ostdeutschland und wie unterscheidet sich diese von der Deiner Eltern, die vermutlich eine komplett andere Erfahrung hatten?

Ich will dir von einer bittersüßen Erinnerung erzählen, die mir dazu einfällt. Als ich nach Deutschland und in die USA zum Studium ging, musste ich oft in Formularen angeben, wo ich geboren wurde. In meinem Pass steht „CHLB Đức“, die vietnamesische Übersetzung von Bundesrepublik Deutschland. Als ich ‚Deutschland‘ oder ‚Germany‘ schrieb, sagten mir die Beamten oft, dass das nicht mein Geburtsort wäre. Sie verstanden „CHLB Đức“ als lustigen Namen einer vietnamesischen Stadt. Ironischerweise hatten sie Recht, denn ich bin nicht in der Bundesrepublik Deutschland geboren, sondern in einem Land, das mittlerweile ausgelöscht ist, der DDR. Du siehst, es ist manchmal schwierig, die Geschichte von einem Menschen offiziell mitzunehmen.

Und meine Eltern? Nach der Rückkehr nach Vietnam träumten sie davon, in ihre Heimat Hanoi, die Wiege der kommunistischen Partei, zu fliehen. Sie zogen mit mir in den Süden. Ich wuchs in Saigon mit Freunden auf, deren Verwandte allesamt Übersee-Vietnamesen waren, die in Amerika und Westeuropa lebten. Meine Eltern waren der Hauptstadt müde, wo der Staat bei allen Geschäftsbeziehungen mit am Tisch saß. Aber sie denken nach wie vor an die kommunistische DDR als das Land ihrer freien, unschuldigen und romantischen Jugend. Sie erzählten immer davon, wie der Arzt und die lokale Kirche meine Mutter vor der Abschiebung nach Vietnam bewahren wollten, denn Schwangerschaft war zu dieser Zeit ein Tabu, wenn es darum ging, ins Ausland geschickt zu werden. Als ich nach Deutschland ging, um ein Auslandsstudium aufzunehmen, sagte mein Vater zu mir, ich solle zu dem Krankenhaus gehen, in dem ich geboren wurde, um die Hebamme aufzusuchen, die bei meiner Geburt geholfen hatte. Ich sollte sie fragen, ob sie sich noch an mich erinnerte, denn ich war zu jener Zeit ein besonderer Fall – das Baby mit schwarzem Haar und einer komplett anderen Hautfarbe als alle anderen Neugeborenen in diesem Krankenhaus.

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